Stolpersteine für Wolfenbüttel

Blick in die Krumme Straße

Es brauchte auch in Wolfenbüttel Jahrzehnte, bis Namen und Schicksale ehemaliger jüdischer Wolfenbütteler dem Vergessen entrissen werden konnten. Manche Versuche das Gedenken öffentlich zu machen liefen ins Leere. 1995 errichteten einige Wolfenbütteler ein provisorisches Denkmal auf dem Stadtmarkt, zu dem nach einem Gedenkgang durch die Stadt vom Standort der ehemaligen „Judenhäuser” 60 Tafeln mit den Namen derjenigen jüdischen Wolfenbütteler, die nach den Deportationen nie zurückgekehrt sind, angefügt wurden. Es bedurfte auch äußerer Anstöße um hier weiter zu kommen. Bei der Gründung des Wolfenbütteler Kulturstadtvereins rief Paul Raabe einen Arbeitskreis „Jüdische Traditionen in Wolfenbüttel” ins Leben. Der Arbeit dieses Kreises verdankte sich 2005 die Planung für das jüdische Mahnmal in der Bahnhofstraße, das aufgrund der in dem Buch von Jürgen Kumlehn „Jüdische Familien in Wolfenbüttel. Spuren und Schicksale” dokumentierten Ergebnisse durch jahrelange Recherchen 160 Namen verzeichnen konnte.

Die Initiative „Stolpersteine für Wolfenbüttel” konnte hier anschließen. Aber auch in dieser Sache kam der letzte Anstoß von außen: Luciano Eric Reis, der Enkel von Clara Reis, ehemals Lange Herzog Straße, stiftete einen namhaften Betrag für die ersten Steine. So konnte der Künstler Gunter Demnig am 7. Mai 2011 erstmals Steine in Wolfenbüttel verlegen. Es folgten weitere Termine am 2. und 3. November desselben Jahres, sowie am 24. April 2012, am 26. März 2013 und am 25. Oktober 2014. Es sind inzwischen 78 Steine geworden, weitere sollen folgen, je nach dem Eingang von Spenden.

Gunter Demnigs Konzept hat nicht nur jüdische Deutsche im Blick, sondern alle von den Nationalsozialisten Vertriebenen und Verfolgten. So sind auch in Wolfenbüttel Steine für die von den Nationalsozialisten misshandelten und ermordeten Arbeiter Fritz Fischer und Alfred Perkampus, sowie für den vom Volksgerichtshof wegen Hörens von Feindsendern zum Tode verurteilten Schuster Heinrich Wedekind verlegt worden. Auch an die polnische Zwangsarbeiterin Janina Piotrowska, die aufgrund eines Todesurteils Braunschweiger Blutrichter als angeblicher „Volksschädling” in Wolfenbüttel hingerichtet wurde, ist gedacht worden. Nicht vergessen werden sollte ebenfalls der amerikanische Flieger Sheppard Kerman, der nach dem Abschuss seines Flugzeugs und der Rettung mit Hilfe des Fallschirms ermordet wurde.

Unter den jüdischen Namen finden sich nicht nur prominente wie der des in Wolfenbüttel, auch um die Errichtung des Lessingtheaters, verdienten Kommunalpolitikers Gustav Eichengrün, der des bekannten Arztes Dr. Siegfried Kirchheimer und des letzten Synagogenvorstehers Nathan Schloss, sondern auch Menschen wie die Familie Berger, die unter bedrängten wirtschaftlichen Verhältnissen ihr Leben in dieser Stadt mit Würde zu bestehen wussten, bis die Stadt beinahe „judenrein” wurde.

An der Verlegung der bisherigen Stolpersteine waren immer Schülerinnen und Schüler beteiligt, die selbst erarbeitete Biogramme zu den einzelnen Personen vortrugen.