Jüdische Gemeinde Wolfenbüttel

ehemalige Synagoge Wolfenbüttel

Das Leben der Juden in vergangenen Jahrhunderten im Herzogtum Braunschweig unterschied sich nicht von dem in anderen Ländern des christlichen Reiches, denn auch hiesige absolutistische Herrscher handelten willkürlich. Sie gaben den Juden Rechte, unterdrückten und diskriminierten sie, wie es die gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, theologische oder soziale Lage des Landes gebot. 1697 erhielt der Jude Marcus Gumpel Fulda ben Mose einen herzoglichen Schutzbrief. Der erlaubte ihm, sich mit seiner Familie in Wolfenbüttel niederzulassen. Als „Hofagent“ war er überwiegend als Bankier für den Landesherrn tätig. Samson Gumpel, um 1702 in Wolfenbüttel geboren, war eines seiner sieben Kinder.


Die Familie Samson1 gilt als die Gründerfamilie der Wolfenbütteler jüdischen Gemeinde. Marcus Gumpel richtete in dem von ihm Anfang des 18. Jahrhunderts erworbenen Hauses am Holzmarkt einen Gebetsraum ein. Nach dem Zwangsverkauf des neben der Trinitatiskirche gelegenen Hauses erwarb er das Grundstück Harzstraße 12. 1781 entstand im dortigen Hinterhaus die erste Synagoge, und fünf Jahre später gründete er hier eine „Talmud-Tora-Schule“. Mit dem Zukauf eines benachbarten Hauses und eines Grundstücks in der nahegelegenen Engen Straße entstand hier ein kleiner Schulcampus mit Internat, aus dem 1807 in der Kommissstrasse und ab 1896 am Neuen Weg die Samsonschule wurde.2

 

1836 richtete die Gemeinde im Haus Großer Zimmerhof 28 das erste öffentliche Ritualbad (Mikwe) ein, ein zweites entstand 1843 im Haus Harzstraße 12. Ihre Toten konnten die jüdischen Wolfenbütteler nur in Hornburg3 und Halberstadt bestatten. 1724 erhielt Marcus Gumpel Fulda ben Mose die Genehmigung zur Anlage eines Friedhofes am (damals so genannten) Atzumer Weg. Der Friedhof wurde mehrfach erweitert.4


Einzelne, mit Schutzbriefen versehene, jüdische Familien gelangten zu bedeutendem Reichtum und wurden Finanzpartner vor allem der Fürsten.5 Das gute Verhältnis der Juden zu den Herrschern war, wenn es Judenfeinden passte, oft Anlass zu neuen Diskriminierungen. Die Auswirkungen ihres Schaffens, ob negativ oder positiv, blieben verdächtig. Während des Siebenjährigen Krieges eroberten die Franzosen am 10. Oktober 1761 Wolfenbüttel. Sie verlangten von der Stadt eine hohe Zwangssteuer in Gold, da während der Belagerung fortwährend die Glocken der Hauptkirche geläutet worden waren. Als die Summe nicht aufgebracht werden konnte, bezahlte Samson Gumpel mit einem Wechsel.


Die Familie Samson ist mit der Geschichte der Stadt Wolfenbüttel und der des Herzogtums Braunschweig eng verbunden. Als dessen Finanzen 1763 in einen desolaten Zustand gerieten, trug Kammeragent Herz Samson erheblich dazu bei, das Herzogtum vor dem Staatsbankrott zu bewahren.6 Nach Albert Marx haben Juden für die niedersächsische Wirtschaft des 18. Jahrhunderts durch Bereitstellung von Waren und Geld eine wichtige Funktion wahrgenommen.7 In der Zeit von etwa 1680 bis zur Einverleibung des Herzogtums Braunschweig in das Königreich Westphalen (1807) sind unter den in Wolfenbüttel ansässig gewesenen Schutz- bzw. tolerierten Juden 11 Familien gewesen. Später kamen noch 8 Familien dazu, darunter Simon Wolf Oppenheim, der den Schutzbrief als Rabbiner erhielt. (...) 1831 hatte Wolfenbüttel 12 jüdische Familien bzw. 62 Seelen. 1835 nennt das Wolfenbütteler Adressbuch 88 jüdische Einwohner.8


Im Verhältnis zu Hannover, so ist bei Marx nachzulesen, sei von der Braunschweiger Regierung im späten 18. Jahrhundert eher und wirkungsvoller über eine Verbesserung der Rechtsstellung der Juden nachgedacht worden. Das Verbot des Immobilienerwerbs wurde gelockert und bekannte Diskriminierungen entfielen weitgehend. 1788 konnte nach Protesten des Hoffaktors Herz Samson der Judeneid reformiert werden. 1803 fiel der Leibzoll, den Juden bei Betreten oder Verlassen des Landes entrichten mußten und der sie, wie im Mittelalter üblich, auf dieselbe Stufe stellte wie eine zu verzollende Ware9. Die Verbesserungen erfuhren allerdings meistens nur die privilegierten Schutzjuden. Das strenge Edikt gegen die Betteljuden aus dem Jahr 1712 und Folgeerlasse relativierten die erwähnten Fortschritte weitgehend. Betteljuden besaßen weder Schutzbrief noch einen Pass. Sie hatten keinen festen Wohnsitz, und ihre Erwerbsform war nicht legal. Sie lebten am Rande der Gesellschaft.10

 

Der Historiker Isaak Markus Jost beschrieb (nach 1790), wie er als Schüler der Samsonschule Betteljuden begegnet war: Vom Gotteslager, einem kleinen Weiler etwa zehn Minuten vor der Stadt bis an das Kayser-Thor, lagen zwanzig arme jüdische Familien, zigeunerartig wandernd, mit schmutzigen Betten, alten Kleidern, Kisten und Kasten, sie selbst in zerrissenen Gewändern, Männer, Frauen und Kinder, zum Theil krank und abgezehrt im Freien, wartend auf den Glockenschlag Neun, bei welchem der Vorsänger ankommen sollte, um ihnen im Namen des einzigen reichen Mannes, der in Wolfenbüttel wohnte, Almosen zu verabreichen, damit sie vor Eintritt des Sabbath noch einen Ruhepunkt erreichen könnten. Keiner dieser Unglücklichen durfte die Stadt betreten.11


Die liberalen Geisteshaltungen des 19. Jahrhunderts förderten die auch durch die französische Revolution beeinflusste Emanzipation der Juden. Nach und nach fielen rechtliche Diskriminierungen.12 Die grundlegenden Änderungen in der Judengesetzgebung wurden in Deutschland unter dem Einfluß Napoleons bewirkt. Im Königreich Westphalen, dem auch Braunschweig angehörte, entwickelte sich wie in anderen von Frankreich unmittelbar oder mittelbar beherrschten Gebieten die uneingeschränkte Gleichberechtigung der Juden.13 Artikel 1 des Königlich-Westphälischen Dekrets vom 27. Januar 1808 bestimmte: Unsere Unterthanen, welche der Mosaischen Religion zugethan sind, sollen in Unseren Staaten dieselben Rechte und Freyheiten genießen, wie Unsere übrigen Unterthanen. Gültige Gesetze verändern Vorurteile von Menschen nicht.

Nach dem Ende der „Franzosenzeit“ war die rechtliche Stellung der Juden nicht eindeutig geklärt. Der Braunschweigische Staat unterwarf sie zwar der Steuer- und Militärpflicht, gestattete ihnen aber nicht das Bürgerrecht.14 Die Landschaftsordnung von 1832, das Grundgesetz des Landes Braunschweig, regelte die rechtliche Gleichberechtigung erst allmählich. Ein Gesetz vom 23. Mai 1848 brachte den Durchbruch: Alle Rechtsungleichheiten, sowohl im öffentlichen als im Privatrechte, welche Folgen des Glaubensbekenntnisses sind, werden - vorbehaltlich der noch bestehenden Parochialgerechtsame und der übrigen kirchlichen Verhältnisse - hierdurch aufgehoben.15


Als die Juden Familiennamen annehmen mussten, ließen sich bis März 1810 in Wolfenbüttel 21 Familien registrieren. Der Wolfenbütteler Stadtmagistrat versagte den jüdischen Bürgern das versprochene Bürgerrecht. Sie sollten nur Schutzverwandte sein. Da die Stadt Braunschweig ihren jüdischen Einwohnern keine Schwierigkeiten bei der Erwerbung des Bürgerrechts machte, stellte der seit 1802 in Wolfenbüttel lebende Kaufmann Lippmann Wolff Reis am 21. November 1828 den Antrag, in seinem Wohnort als Bürger aufgenommen zu werden. Die Stadtverordneten lehnten das Gesuch am 10. Dezember mit der Begründung ab, dass die Bekenner der jüdischen Religion in Wolfenbüttel zu keiner Zeit als Bürger, sondern immer nur als Schutzverwandte zugelassen seien. Selbst wenn sie ein bürgerliches Gewerbe betrieben oder die Konzession zum Ankauf eines Grundstückes erhielten, seien sie nie in die Bürgerrolle eingetragen und hätten auch nie den Bürgereid geleistet 16. Auch die Einschaltung der Herzoglichen Kammer bewirkte keine Änderung. Im Januar 1833 versuchte es Reis erneut. Er erhielt die Antwort, daß es bei der Resolution vom 10. Dezember 1829 sein Bewenden haben müsse17. Auch die Wolfenbütteler Kreisdirektion lehnte den Antrag einige Monate später ab. Reis, ein angesehener Geschäftsmann, ließ nicht locker. Er versuchte es im Juli 1835 erneut und bekam wieder einen ablehnenden Bescheid. Da die Kreisdirektion das Gesuch aber jetzt befürwortete, erhielt der Kaufmann die Aufforderung, im Rathaus den Bürgereid zu leisten. Am 25. November 1835 nahm er als erster Wolfenbütteler Jude einen Bürgerschein in Empfang.18 Zu dieser Zeit wohnten in der Stadt 88 Juden.19

 

Reis geriet mehrfach ins Visier von Leuten, die sein Streben nach Gleichberechtigung mit judenfeindlichen Äußerungen begleiteten. Im Zusammenhang mit den so genannten „Hep-Hep”-Unruhen, als in Deutschland zum ersten Mal seit dem Mittelalter wieder umfassende Judenverfolgungen stattfanden, versammelten sich 1820 Gärtnergesellen vor seinem Haus. Der Stadtkommandant ließ eine Doppelwache aufziehen. Zu Gewalttätigkeiten kam es nicht. Die Zusammensetzung der Protestierenden, die ja eindeutig zu den Unterprivelegierten und Deklassierten der Zeit gehörten, deutet in Umrissen mögliche Gründe an; die Kanalisierung des Unbehagens und Protestes auf die Juden hin funktionierte.20 Als Reis mit Honoratioren der Stadt in einem öffentlichen Billardsaal spielte, rempelte ihn ein Bürger an und bemerkte: Beiseite Jude! Reis ging vor Gericht und gewann: Die Benennung eines Menschen nur bei seiner Religionszugehörigkeit habe „etwas Gehässiges”, der Beleidiger wurde zu einer Sühne und Entschuldigung verurteilt.21 Während des Wolfenbütteler Schützenfestes 1868 gelang Reis’ Sohn Nathan der Königsschuss. Die Schützengilde verweigerte ihm die Königswürde. Reis klagte und gewann.


Im Juni 1886 feierte die Samsonschule ihr 100-jähriges Bestehen. Die einstige Religionsschule hatte sich zu einer auch im Ausland anerkannten Bildungseinrichtung entwickelt. Gemeinsam mit der Jacobsen-Schule in Seesen trug sie wesentlich zum Ansehen des Landes Braunschweig als Mittelpunkt jüdischer Bildungskultur bei. Ihre besondere Bedeutung lag später in der Erschließung von Berufen für Juden, die ihnen vor der Emanzipation im 19. Jahrhundert, also vor der Ausformung der modernen bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland verschlossen war22.


Zur Erfüllung der ständig steigenden Nachfragen wurde am Ende des Neuen Weges ein neues Gebäude errichtet. Über die Einweihung des imposanten Ziegelbaues berichtete das Wolfenbütteler Kreisblatt am 4. September 1896 unter anderem: Die Feier leitete der Schülerchor mit dem Gesange „Hoch tut euch auf, ihr Pforten der Welt” ein, worauf Landesrabbiner Dr. Rülf die sehr eindrucksvolle Weiherede über Psalm 27 hielt. Als Mitglied der Administration gab sodann Herr Justizrat Dr. Magnus einen Überblick auf die Geschichte der Samsonschule, deren Stifter (durch die 1807/08 abgeschlossene Zusammenlegung der Samsonschen Institute) die Brüder Herz Samson und Philipp Samson sind. Anfangs eine Religionsschule des Philipp Samson hatte als Administrator Isaac Herz-Samson die Leitung der Schule dem Inspektor übergeben, der die Bildungseinrichtung in eine deutsche Erziehungsanstalt umgewandelt hat, deren Ruf sich bald weithin ausdehnte. Dank gebühre vor allem Herrn Leopold Samson, der die geistige Triebfeder des Baues gewesen und mit aufopfernder Hingabe für denselben gearbeitet habe. Der Redner übergab dann die Anstalt Herrn Direktor Tachau, der in seiner Ansprache betonte, daß für die Anstalt, den Traditionen ihrer Stifter getreu, die Grundlage der Erziehung die Gottesfurcht bilde. Auf dieser Grundlage sittlich gute Menschen heranzubilden sei das Endziel. Aber auch die Liebe zum Vaterland sei eine wichtige Aufgabe der Erziehung in der Samsonschule - sie wolle Schüler heranbilden, die sich des deutschen Namens alle Zeit würdig erweisen. 23


Einige Samson-Schüler vollbrachten in ihrem Leben überragende Leistungen und erlangten Berühmtheit: Leopold Zunz (1794-1886),24 Begründer der Wissenschaft des Judentums, Verfasser zahlreicher Werke über jüdische Kultur, besuchte die Schule von 1803 bis 1809.25 Später gehörte er vier Jahre lang dem Lehrerkollegium an. Sein Mitschüler Isaac Marcus Jost (1793-1860) gilt als der erste bedeutende Historiograph der Neuzeit. Emil Berliner (1851 - 1929), der Erfinder der Schallplatte, des Mikrofons und des akustischen Schalldämpfers, besuchte die Schule von 1861 bis 1865. Seit 1884, lehrte an der Schule Samuel Spier, einer der Mitbegründer der „Social-Demokratischen Arbeiterpartei Deutschlands“.26 Eng verknüpft mit der Einrichtung jüdischer Bildungs- und Kulturstätten war der von der Familie Samson gegründete und nach ihr benannte Legatenfond, eine Stiftung zur gemeinsamen Verwaltung des Familienbesitzes. In den Statuten sind die Zwecke der Stiftung aufgeführt: Unterhaltung der Freischule in Wolfenbüttel, Unterstützung bedürftiger Familienangehöriger und Ausstattung armer, zur Samsonschen Familie gehörender Bräute.27 Schüler der Samsonschule war auch der 1895 geborene Werner Scholem, Bruder des israelischen, aus Berlin stammenden, Religionshistorikers Gershom Scholem28. In seinen Jugenderinnerungen berichtet Gershom Scholem über seinen Bruder: Ein engeres Verhältnis gewann ich hingegen zu meinem Bruder Werner, der zwei Jahre älter war und ein sehr bewegliches Naturell hatte, das schon früh in Opposition gegen das Elternhaus umschlug. Das veranlaßte meine Eltern, ihn etwa 1908 für zwei oder drei Jahre in die Samsonschule nach Wolfenbüttel zu schicken, ein jüdisches Internat mit einer Realschule verbunden, eine schon hundert Jahre alte Gründung aus der Zeit des Königreichs Westfalen. Viele westdeutsche jüdische Kaufleute, Viehhändler und Metzgermeister schickten ihre Kinder dorthin, und mein Bruder wurde hier mit einem nicht geringen Ausmaß von religiöser Heuchelei und falschem Patriotismus bekannt, das ihn heftig abstieß. Die Schule wurde streng deutsch-national, aber unter Beibehaltung einiger Hauptstücke des jüdischen Rituals, des (verkürzten) täglichen Gebets und der koscheren Küche geführt. In den Ferien bekam ich darüber von meinem Bruder, der sich schon damals an mir rhetorisch zu versuchen begann, einige zynische Vorträge und Herzenergießungen zu hören. Er setzte schließlich durch, nach Berlin zurückgeholt zu werden und kam auf eine andere Schule.29 Werner Scholem war Kommunist, Reichstagsabgeordneter und Redakteur der „Roten Fahne“.30 Aus dem KZ Dachau wurde Scholem ins KZ Buchenwald gebracht und dort am 17. Juli 1940 ermordet.31


Zwischen den Wolfenbütteler Bürgerinnen und Bürgern christlichen und jüdischen Glaubens herrschte um 1900, trotz gelegentlicher amtlicher Diskriminierungen von Juden, ein Klima der Toleranz. Die jüdische Gemeinde, die sich seit 1781 in der Synagoge im Hinterhaus Harzstraße 12 zu ihren Gottesdiensten und Festen traf, konnte aus diesem einst befohlenen Versteck heraustreten und daran denken, ein Gotteshaus zu bauen, das denen der christlichen Kirchen nicht nachstand. Der Bau der neuen Synagoge in der Lessingstraße begann am 1. Juli 1892. Den Grundstein legte die Gemeinde am 16. August. Der Bau wurde nach Plänen des Braunschweiger Architekten und Geheimen Hofrats, Professor Constantin Uhde, errichtet: Auffällig ist die Doppelturmfassade, deren „textiles“ Muster auf maurische Dekorationen hinweist. Deutlicher als das Äußere wies der Innenraum diese Einflüsse auf. Uhde folgte dem Anlageschema einer dreischiffigen Emporenhalle, das in Kassel in den Synagogenbau eingeführt worden war. Eine Orgel auf der Westempore entsprach dem reformierten Ritus der Gemeinde.32


Das Wolfenbütteler Kreisblatt berichtete ausführlich über die Bauausführung und die Einweihung am 22. Juni 1893. Errichtet worden sei eine Zierde der Stadt. Es muss eine Ehre gewesen sein, am Bau dieses 40 Jahre später abschätzig Judentempel genannten Bauwerks beteiligt gewesen zu sein. Alle Handwerker, darunter die noch heute existierende Malerfirma Heinemann, wurden namentlich erwähnt. Ihrem Geschäftsinhaber bekundete die Zeitung besondere Anerkennung für die reichhaltige Malerei im Innern. Im Tempel sind 200 Sitzplätze für männliche Personen und auf der Empore 84 Sitzplätze für Frauen. Am Haupteingange der Synagoge befindet sich eine große Halle, von dieser führen Treppen zu den Emporen. Hinter der großen Halle folgt eine große Vorhalle, woran sich die Garderobenräume anschließen. Von der kleinen Vorhalle gelangt man in den Tempelraum, an der Hinterseite sind zwei Nothausgänge angebracht.33 Zur Einweihung hatten sich viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingefunden: Vertreter des Stadtmagistrats, die Stadtverordneten, die Direktoren des herzoglichen Lehrerseminars und der städtischen Realschule, auswärtige Kuratoren der Samson-Schule, viele geladene Bürger aus unserer Stadt und die am Bau betheiligt gewesenen Handwerker. Nach einer Ansprache überreichte Kreismaurermeister Dauer dem Vorsteher des Synagogenvorstandes, Bernhard Cohn, den vergoldeten Schlüssel der Tempeltür. Dieser gab ihn auf einem seidenen Kissen seiner Tochter Cilly, die einen Prolog sprach:

O dich, der jenen Schüssel führet

Zu unserm Herzen, unserm Geist.

Der uns mit weisem Wort regieret,

Den rechten Weg uns gehen heißt.

Auch dieser Schlüssel Dir zu Theil,

Der du uns zeigst den Pfad zum Heil,

O, öffne uns die Pforte.

Landesrabbiner34 Dr. Rülf schloss die Tempelpforte auf. Nach dem Gesang des Vorbeters erfolgte die Einholung der Thora Rollen, die vom Rabbiner, dem Vorbeter und den Gemeindeältesten unter Chorgesang durch das Gotteshaus getragen und dann in die heilige Lade eingehoben wurden. In der Weiherede, die sich durch Gedankenreichtum und religiöse Empfindung ausgezeichnet habe, behandelte der Rabbiner das Wesen und den Segen des wahren Gottesdienstes, der nicht allein in der Andacht im Tempel bestehe, sondern sich auch durch die Thaten des Menschen im Leben, in der Nächstenliebe kundgeben müsse. Nach der Beethovenschen Hymne Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre sprach der Rabbiner das Gebet für Kaiser und Reich und den in hebräisch und deutsch gehaltenen Segen. Nachmittags beging die Gemeinde das Fest mit einem großen Essen.


Das Miteinander der Bürger verschiedener Religionen ließ wahrscheinlich besonders die Angehörigen der jüdischen Gemeinde auf eine Zukunft ohne Benachteiligungen hoffen. Sie wähnten sich mit der neuen Synagoge in die städtische Gesellschaft aufgenommen. Das Öffnen der Tempeltür bedeutete ihnen mehr als nur das Aufschließen des Gotteshauses. Der Pfad zum Heil wies den Weg in die Gleichberechtigung unter den religiösen Gemeinden Wolfenbüttels. In den Kirchennachrichten der Lokalzeitung kündigten die Juden ihre Gottesdienste in einer Reihe mit denen der anderen Kirchengemeinden an.

 

1893 war auch das Jahr einer Reichstagswahl. Den Sozialdemokraten gelang es im Wahlkreis Wolfenbüttel-Helmstedt am 15. Juni erstmalig, eine Stichwahl zu erreichen. Der SPD-Kandidat, Cigarrenarbeiter Wilhelm Wenzel in Schöningen, unterlag im zweiten Wahlgang dem Kandidaten des Bundes der Landwirte, Albert Schwerdtfeger, der sich im Reichstag der nationalliberalen Fraktion anschloss.35 Die Lokalzeitung wies auch auf in den Reichstag gewählte Judengegner hin: Unter den drei Antisemiten, die im ersten Wahlgange einen Sitz erobert haben, befindet sich leider auch der Herr Ahlwardt.36 Dieser antisemitische Publizist beteiligte sich maßgeblich an der Gründung der „Antisemitischen Volkspartei“ und schrieb ein dreibändiges Werk „Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum”, das nachhaltig den nationalsozialistischen Antisemitismus beeinflusste.37 1893 war zudem das Gründungsjahr des „Central-Vereins der Juden in Deutschland“, einer Vereinigung, die sich die Wahrung der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der deutschen Juden sowie die Pflege deutscher Gesinnung 38 zur Aufgabe machte.


Die Bekämpfung des Antisemitismus gehörte natürlich zu den ureigensten Aufgaben der Mitglieder der später bis zu 555 Ortsgruppen umfassenden Organisation. Die Nationalsozialisten zwangen die Vereinsmitglieder, sich am Tag nach der Pogromnacht in „Reichsvertretung der deutschen Juden” umzubenennen. In Wolfenbüttel existierte eine Ortsgruppe des Central-Vereins, die im März 1938 noch zehn Mitglieder hatte. 45 Jahre zuvor, am 12. April 1893, als die Synagoge noch ein Rohbau war, fand in Wolfenbüttel die erste öffentliche Veranstaltung des „Deutsch-sozialen (antisemitischen) Vereins Braunschweig“ statt. 1908 erhielt die Jüdische Gemeinde die Anerkennung als „öffentliche Korporation“. Der Stadtmagistrat half der Gemeinde beim Einzug der Gemeindesteuern. Die Jüdische Gemeinde war somit den christlichen Kirchen gleichgestellt.39 Zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebten in Wolfenbüttel 253 Juden.40

 


1 Vgl. Bein, Reinhard, Ewiges Haus, Braunschweig 2004, S. 82; darin vorzügliche Porträtzeichnungen einiger Mitglieder der Familie Samson, gezeichnet von Felix Pestemer.

2 Der Vater des späteren Leiters der Samsonschule, Dr. Philipp Ehrenberg, besuchte die Schule und berichtete über sein Leben in Wolfenbüttel; vgl. Richarz, Monika, Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1780-1871, Stuttgart 1976; vgl. Schulze, Hans, Samuel Meyer-Ehrenberg 1773 – 1853, in: Braunschweigisches Jahrbuch, Bd. 54, 1973, S. 269 ff.

3 Vgl. Schulze, Peter (Hg.), Mit Davidsschild und Menora. Bilder jüdischer Grabstätten in Braunschweig, Peine, Hornburg, Salzgitter und Schöningen 1997 – 2002, Hannover 2002.

4 Vgl. Bein, Ewiges Haus, S. 83 ff.

5 Busch, Ralf, Jüdische Familien vor Erlangung der bürgerlichen Gleichstellung, in: Lessings „Nathan“ und die jüdische Emanzipation im Lande Braunschweig, Lessing-Akademie Wolfenbüttel 1990, S. 47.

6 Vgl. Schulze, Hans, Beiträge, S. 27.

7 Vgl. Marx, Albert, Geschichte der Juden in Niedersachsen, Hannover 1995, S. 92.

8 Asaria, Zvi, Die Juden in Niedersachsen, Leer 1979, S. 438.

9 Marx, Geschichte der Juden, S. 67.

10 Zitiert nach ebd., S. 93.

11 Ebeling, Hans-Heinrich, Die Juden in Braunschweig, Braunschweig 1987, S. 151 f.

12 Emanzipationsdekret vom 27. Januar 1808 im Königreich Westphalen, in das auch das Herzogtum Braunschweig aufgegangen war.

13 Ritterhoff, Claus, Die rechtliche Gleichstellung der Juden im Herzogtum Braunschweig, in: Lessings „Nathan” und die jüdische Emanzipation im Lande Braunschweig, Lessing-Akademie Wolfenbüttel 1990, S. 64.

14 Vgl. Schmid, Joachim, Landesrabbinat und Landesrabbiner im Herzogtum Braunschweig, in: Brauschweigisches Jahrbuch 2000, S. 106.

15 Ritterhoff, Claus, in: Lessings „Nathan” und die jüdische Emanzipation im Lande Braunschweig, Lessing-Akademie Wolfenbüttel 1990, S. 68

16 Schulze, Hans, Beiträge, S. 52.

17 Ebd., S. 53.

18 Ebd., S. 54.

19 Asaria, Die Juden, S. 438.

20 Ebeling, Die Juden, S. 380.

21 Ebd., S. 381.

22 Vgl. Busch, Ralf, Über die Samsonschule zu Wolfenbüttel, in: Lessings „Nathan” und die jüdische Emanzipation im Lande Braunschweig, Lessing-Akademie Wolfenbüttel 1990, S. 63.

23 Schulze, Hans, Beiträge, S. 68.

24 Vgl. Selle, Kurt (Hg.), 450 Jahre Große Schule, Eine Festschrift, Wolfenbüttel 1993, S. 68 ff.

25 Vgl.: Elon, Amos, The pity of it all. A History of Jews in Germany 1743–1933, New York 2002, S. 110 f. Deutsche Ausgabe: Zu einer anderen Zeit, Porträt der jüdisch-deutschen Epochen (1743–1933), München/ Wien 2003, S. 115 f.

26 Vgl. Hensel, Hans Michael, Einer der ersten Demokraten des Reichs war Lehrer in Wolfenbüttel, in: Vor Ort, Nr. 7, 1995. (Hensel kritisiert, dass Wolfenbüttel diesen bedeutsamen Demokraten bisher nicht, z. B. durch die Benennung einer Straße, geehrt hat.) Vgl. Fricke, Rudolf G.A., Die Arbeiterbewegung in unserem Land. Geschichte der Sozialdemokratie in Wolfenbüttel und Braunschweig von den Anfängen bis 1870/71 mit einem Ausblick in die Neuzeit, Cremlingen 1989, S. 54 ff.

27 Vgl. Busch, Ralf, Samsonschule Wolfenbüttel, Braunschweig 1986, S. 14.

28 Vgl. Jünger, Ernst, Gershom Scholem. Briefwechsel 1975-1981, in: Sinn und Form, Beiträge zur Literatur, Heft 3, 2009, S. 293 ff.

29 Scholem, Gershom, Von Berlin nach Jerusalem, Frankfurt 1994, S. 12.

30 Vgl. Busch, Samsonschule, S. 34, 35, 39, 45.

31 Vgl. Lübbe/Schumacher, Martin (Hg.), Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus, Düsseldorf 1992, S. 1220 ff.

32 Text einer Ausstellungstafel in der vom Kulturstadtverein Wolfenbüttel im Rahmen des „Jahres der Kirchen“ im Juli 2008 veranstalteten Ausstellung „Und ich wurde ihnen zu einem kleinen Heiligtum“ – Synagogen in Deutschland. Vgl: Cohen-Mushlin, Aliza/Thies, Harmen H. (Hg.), Synagogenarchitektur in Deutschland, Dokumentation zur Ausstellung, Petersberg 2008, S. 219 f.

33 Wolfenbütteler Kreisblatt, 22.6.1893.

34 Vgl. Schmid, Landesrabbinat, S. 101.

35 Buchholz, Marlis, Wolfenbüttel 1871 bis 1914. Beiträge zur Geschichte der Stadt Wolfenbüttel, Heft 4, Wolfenbüttel 1992, S. 173

36 Wolfenbütteler Kreisblatt, 22.6.1893.

37 Zentner, Christian/Bedürftig, Friedemann (Hg.), Das große Lexikon des Dritten Reiches, München 1985, S. 19.

38 Philo-Lexikon, Handbuch des jüdischen Wissens, Berlin 1936, S. 123.

39 Ulbrich, Miriam, Aus dem Leben der jüdischen Gemeinde Wolfenbüttels, in: Wolfenbütteler Schaufenster, 29.12.96.

40 Marx, Geschichte der Juden, S. 146.

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