Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Neuer Weg
Quelle: Devisenbewirtschaftung und Auswanderung, u.a. von jüdischen Bürgern.  Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel, 34 N 4, Zg. 55/2004 Nr. 1

Eva Bach
Geborene Moses

Neuer Weg (Adolf-Hitler-Straße) 93, Am Alten Tore 6

geb. 31. August 1926 in Wolfenbüttel, Flucht 1938
USA, überlebt

 

Eva Moses war die älteste Tochter des Schuhkaufmannes Berthold Moses und seiner Frau Klara. Sie besuchte zuerst die Schule an der Wallstraße. Wie andere Mädchen hoffte sie mit dem weiterführenden Besuch des Lyceums im Schloss auf einen höheren Schulabschluss. Zwei Jahre später musste sie die Schule verlassen, da die ganze Familie im August 1938 Wolfenbüttel verließ und über Hamburg in die USA flüchtete. In New York ging sie weiterhin zur Schule. Sie verließ die Schule im Alter von sechzehn Jahren und arbeitete in einer Fabrik. Mit 21 Jahren heiratete sie Max Bach, der mit seiner Familie ebenfalls 1938 aus Freiburg/Breisgau nach New York geflüchtet war. Solange es noch ging hielt sie den Kontakt zu jüdischen Freundinnen in Wolfenbüttel aufrecht. In einem Brief nach Wolfenbüttel schrieb sie 2002:

Wir wussten von der Gefahr, in der sich unsere zurückgebliebenen Angehörigen befanden und wir wussten von den Konzentrationslagern. Wir konnten nichts tun, da uns die Welt nicht glaubte, was wir erzählten. Niemand glaubte uns, nicht mal der Papst ist eingeschritten. Wir standen allein gegen die Welt.

 

Familie
Berthold Moses →
Klara Moses →
Therese Lapidus, geb. Moses →

Großer Zimmerhof

Jacob Berger

Großer Zimmerhof 21

geb. 19. Juni 1884 in Bukaczowse (Galizien) , deportiert 1942
Ghetto Warschau, Schicksal unbekannt

 

Jacob Berger kam 1909 nach Deutschland und lebte zunächst in Flensburg und Kiel. Am 16. Oktober 1916 heiratete er die ebenfalls aus Galizien stammende Rosa Laiter. Das Ehepaar hatte drei Söhne. Jacob Berger war Altproduktenhändler. Für einige Jahre betrieben beide in der Kommissstraße einen Laden für bereits gebrauchte Kleidung. Jacob Berger zog zudem mit einem Handwagen durch die Stadt und sammelte Papier, Metall und Kleidungsstücke. Diese Tätigkeiten brachten nur einen geringen finanziellen Gewinn. In der jüdischen Gemeinde, alles gut situierte und wohlhabende Familien, waren die Bergers die arme Familie, die manchmal auch unterstützt werden musste. Die Familie wohnte in zwei Zimmern in einem Hinterhaus im Großen Zimmerhof.


Jacob Berger, eine eher zierliche Persönlichkeit, unternahm wegen der sich häufenden Beleidigungen und Diskriminierungen durch Nazis, vor allem nach 1933, im Juli 1935 den Versuch, sich umzubringen. Ein Nachbar, ein Kriegsversehrter holte Hilfe. Jacob Berger überlebte. Da er kein Geld mehr verdienen konnte, ging es der Familie sehr schlecht. Seine Frau verdingte sich als Putzfrau bei anderen jüdischen Familien. In der Pogromnacht wurde auch er abgeholt, aber schon bald wieder aus dem Wolfenbütteler Gefängnis nach Hause geschickt. Er entging der Deportation nach Buchenwald. Aus einem der „Judenhäuser“ ist das Ehepaar, dessen Söhne nach England hatten fliehen können, wahrscheinlich am 11. April 1942 nach Warschau deportiert worden. Sie kehrten nie zurück.

 

Familie
Kurt Berger
Leo Berger
Max Berger
Rosa Berger

Kurt Berger

Großer Zimmerhof 21

geb. 13. Februar 1924 in Wolfenbüttel, Flucht 1939
England, überlebt, gest. in Frankfurt 2001

 

Kurt Berger erlebte bereits in seiner Kindheit Zurückweisungen, weil er Jude war. Das geschah beim Spielen auf der Straße, auch in der Volksschule, als Lehrer ihm Zensuren gaben, die nicht seinen guten Leistungen entsprachen. Die Mittelschule musste er sofort verlassen, als bekannt wurde, dass er nicht „arisch“ war. Beim örtlichen Hersteller von Landmaschinen lehnte man ihn deshalb auch als Lehrling ab. Er fand dann in einem Braunschweiger Geschäft, das einem jüdischen Kaufmann gehörte, eine Lehrstelle. Auch hier war Schluss, nachdem der Laden in der Pogromnacht von Nazis überfallen und zerstört worden war. Als ihm seine Mutter mitteilte, er könne mit anderen Kindern mit einem Zug nach England fahren, weigerte er sich zunächst, da er seine geliebte Mutter nicht allein mit dem gebrechlichen Vater lassen wollte. Seine beiden älteren Brüder waren zu der Zeit im Konzentrationslager Buchenwald dem Terror der SS-Schergen ausgesetzt.

Nach der Ankunft in England Anfang 1939 sah sich der 15jährige Junge ohne Sprachkenntnisse einer fremden Welt gegenüber, in der er teils freundlich aber auch unfreundlich behandelt wurde. Er versuchte, seine Eltern nach England zu holen, was ihm misslang. Seine beiden Brüder konnte er nach deren Entlassung aus dem KZ Buchenwald in England begrüßen. Den Verlust seiner Eltern durch den mörderischen Wahn der nationalsozialistischen Deutschen wurde zu einem Trauma bis ans Ende seines Lebens. Er kehrte mehrfach nach Wolfenbüttel zurück und schwor jedes Mal, nie wieder zurückzukommen. Er kam immer wieder zurück …..

 

Familie
Jacob Berger
Leo Berger
Max Berger
Rosa Berger

Leo Berger

Großer Zimmerhof 21

geb. 6. Juli 1921 in Wolfenbüttel, Flucht 1939
England, überlebt

 

Leo Berger wurde in der Pogromnacht nach dem Überfall der Nationalsozialisten auf die elterliche Wohnung mitten in der Nacht zum 10. November 1938 gemeinsam mit seinem Bruder Max gewaltsam aus dem Bett gerissen, die Treppe hinunter gestoßen und auf einen vor dem Haus wartenden LKW geschmissen, auf dem bereits andere jüdische Wolfenbütteler Männer standen. Seine Erfahrungen in dem Konzentrationslager Buchenwald hat er aufgeschrieben. Sie sind in dem Buch „Jüdische Familien in Wolfenbüttel - Spuren und Schicksale“ weitgehend zitiert.

 

Ausschnitte:

Während der Zugfahrt nach Buchenwald mußten wir unsere Köpfe zwischen die Beine legen und den Fußboden anstarren. Bei unserer Ankunft erwarteten uns SS-Männer. Statt Waffen trugen sie Holzknüppel. Beim Aussteigen schlugen sie auf uns ein. Weil ich mich duckte, erhielt mein Nebenmann die Schläge. Er blutete schwer und war halb bewusstlos. Ich stützte ihn und sagte ihm, dass er nicht hinfallen soll. Ich befürchtete, dass es sonst sein Ende wäre. Nach dieser Begrüßung wurden wir durch das Haupttor durch einen Korridor von SS-Männern gejagt, die uns wieder mit Knüppeln schlugen. In diesem Handgemenge wurde ich von meinem Bruder getrennt. Als wir durch das Tor rannten, fielen einige ältere Männer hin. Die Nachkommenden fielen auf sie drauf. Einige wurden zu Tode getrampelt. Mir gelang es, über die Fallenden hinweg zu springen und ins Lager zu kommen. Hier fand ich auch meinen Bruder wieder. 72 Stunden lang standen wir draußen in der Kälte ohne Essen und Trinken auf dem Appellplatz. Am 3. Tag brachte man uns Essen. Es war so was wie Reispudding. Als ich probierte, dachte ich, das beste Essen zu essen das ich je hatte. Nach dem Essen wurden wir gezählt und unseren Hütten zugewiesen, wo wir bis zu unserer Entlassung blieben.

 

Leo Berger konnte nach seiner Entlassung nach England flüchten und sah sich dort, wie seine beiden Brüder, in einem Land, das ihm freundlich zugewandt war. Nach 1945 verließ er Europa und gestaltete sich in den USA ein neues Leben.

 

Familie
Jacob Berger
Kurt Berger
Max Berger
Rosa Berger

Max Berger

Großer Zimmerhof 21

geb. 10. Juli 1918 in Wolfenbüttel, Flucht 1939
England, überlebt

 

Max Berger erlitt das gleiche Schicksal wie sein Bruder Leo. Beide wurden in der Pogromnacht 1938 brutal aus ihrer Familie gerissen und ein paar Tage später in das KZ Buchenwald gebracht. Sein Bruder Leo berichtet in seiner Erinnerungen über diesen einige Monate dauernden Aufenthalt in dem KZ:

 

Mein Bruder und ich beschlossen, uns zu trennen. Wir glaubten, dass wir für den Fall, dass die SS einen von uns oder beide greifen würde, so eine bessere Überlebenschance hätten. Jeden Tag trafen wir uns irgendwo zu einem kurzen Gespräch. Dann trennten wir uns wieder. Buchenwald liegt oben auf einem Hügel. Im Winter gab es viel Eis und Schnee. In jeder Baracke gab es nur einen Ofen. Meine Kleidung bestand aus einem Paar Schuhe, einer Hose, einem dünnen Pullover und eine Anzugjacke. Zum Schlafen in den Kojen hatten wir keine Decken, Kissen oder irgend etwas anderes zum Zudecken. Wir schliefen in unserer Kleidung. (…)

 

Ich erhielt 10 Reichsmark von meiner Mutter, die ich mit meinem Bruder teilte. Er kaufte sich dafür Zigaretten. Ich kaufte mir Schokolade. Die enthielt 12 Stücke. Ich verkaufte jedes Stück für 10 Pfennig und machte dadurch einen kleinen Gewinn. Durch das Herumlaufen im Lager bekam ich ständig nasse Füße. Mein linker Fuß schien eingefroren zu sein. Glücklicherweise besaß jemand eine Flasche mit Haaröl. Damit rieb ich den Fuß ein. Ich glaube, ich habe ihn dadurch gerettet. Einige Tage später traf ich meinen Bruder. Er sah krank aus. Er wollte zunächst nicht zum Doktor gehen. Doch dann tat er es, und ich brachte ihn in eine Krankenbaracke. Es war nicht gerade der beste Ort, um eine Krankheit zu heilen. In einem kleinen Laden, der eigentlich für die österreichischen Gefangenen gedacht war, konnte ich eine Zitrone kaufen. Mit meinem Trinkbecher aus Metall schmolz ich auf dem Ofen in der Baracke Schnee und drückte den Zitronensaft hinein. Ich brachte das Getränk meinem Bruder. Am nächsten Tag noch mal, und am Tag darauf konnte mein Bruder die Krankenbaracke verlassen.

 

Auch Max Berger gelang im April 1939 die Flucht nach England. Als letzte Erinnerung an die Familie hatte ihm sein Vater seine goldene Uhr mitgegeben. Die drei Brüder wohnten in verschiedenen Städten und mussten kräftig für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Max trat schon bald nach seiner Ankunft in England in die Britische Armee ein. Nach 1945 war er einige Zeit für die Briten in Deutschland tätig. Später folgte er seinen Brüdern in die USA.

 

Familie
Jacob Berger
Kurt Berger
Leo Berger
Rosa Berger

Rosa Berger
geborene Laiter

Großer Zimmerhof 21

geb. 1. Februar 1888 in Ottynia (Galizien), deportiert 1942
Ghetto Warschau, Schicksal unbekannt

 

Rosa Berger war wahrscheinlich der stabile und kräftige Mittelpunkt der Familie, die zu den ärmsten in Wolfenbüttel gehörte. Sie kümmerte sich um den Laden für gebrauchte Kleidung, während ihr Mann Jacob als „Lumpensammler“ mit einem Handwagen durch die Stadt zog. Die gesammelten Sachen verkaufte er dann bei einem großen Altwarenhändler am Wolfenbütteler Bahnhof.

 

Rosa Berger bekam drei Söhne, die religiös erzogen wurden. Den Berichten der drei Jungen, die in England überleben konnten, ist zu entnehmen, dass sie ihre Mutter über alles liebten. Nachdem ihr Ehemann nach einem Freitodversuch nicht mehr zur Versorgung der Familie beitragen konnte, arbeitete sie als Putzfrau für Lohn und für Essen, das sie mit nach Hause nehmen konnte. In der Pogromnacht stürmten Nazis die kleine Wohnung und zerschlugen einen Teil der Wohnungseinrichtung. Sie musste mit ansehen, wie ihr gebrechlicher Mann und die beiden ältesten Söhne mitgenommen wurden. Kurt, der jüngste, wurde verschont. Nachdem Rosa Berger von dem Angebot Englands erfahren hatte, 10.000 Kinder aufzunehmen, setzte sie alle Hebel in Bewegung, um Kurt die Möglichkeit der Flucht aus Deutschland zu ermöglichen. Das gelang ihr. Auf dem Braunschweiger Bahnhof verabschiedete sie ihn. Sie sahen sich nicht wieder, da sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Warschau deportiert wurde und nie zurückkehrte.

 

Familie
Jacob Berger
Kurt Berger
Leo Berger
Max Berger

Lange Herzogstraße

Lieselotte Boas
Geborene Reis

Lange Herzogstraße 26

geb. 1903, Flucht 1936
Brasilien, überlebt

 

Die Familie Reis gehörte zu den alteingesessenen jüdischen Wolfenbütteler Familien. Lieselotte Reis’ Vater Erich trug bis zum Ende des Ersten Weltkrieges den klingenden Titel „Königlich-Preußischer-Lotterie-Einnehmer“. Nach seinem Tod 1921 übernahm seine Tochter das Geschäft und lebte in dem Geschäftshaus mit ihrer Mutter Clara und ihrem Brüdern Hans Jürgen Reis und Curt Reis. Das Geschäft florierte. Lieselotte Reis konnte sich einen mondänen Lebensstil erlauben. Gerade diese beiden öffentlich erlebbaren Gegebenheiten erschienen den Wolfenbütteler Nationalsozialisten im Sinne ihrer widerlichen Rassentheorie als untragbar. Bereits Mitte August 1933 versuchte die NSDAP, das Lotteriegeschäft zu schließen. Auf Ersuchen der Kreispressestelle der Partei veröffentlichte die Wolfenbütteler Zeitung eine Stellungnahme: Bekanntlich sind Schritte unternommen worden, um der Jüdin Reis die Staatliche Lotterieeinnahme in Wolfenbüttel zu entziehen. Es war klar, daß sich die Jüdin gegen die Entziehung der sicheren staatlichen Einnahmequelle wehren würde, denn nach unseren Feststellungen beträgt das Mindesteinkommen des Jahres aus der Staatlichen Lotterieeinnahme in Wolfenbüttel 13.000 RM; das heißt, der wahre Verdienst liegt noch bedeutend höher. Es ist erklärlich, daß die jetzige Inhaberin sich noch weiter diese Einnahmen, die von deutschen Volksgenossen aufgebracht werden müssen, sichern möchte. Wenn sie nun keinen Weg scheut, um weiterhin das deutsche Volk melken zu können, so ist das verständlich.
Lieselotte Reis musste das Geschäft aufgeben und Wolfenbüttel verlassen. Oskar Wöhler führte es in einem Nachbarhaus weiter. Sie zog nach Berlin. Das Haus kaufte der Fotograf Curt Oberst und eröffnete ein Atelier. In dem Haus befand sich auch die Geschäftsstelle der N.-S.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude”. Lieselotte Reis ließ sich in Berlin zur Kosmetikerin ausbilden. Nach dem Erhalt ihres Diploms verließ sie Deutschland 1936 und gründete in São-Paulo ein neues Unternehmen, das sie erfolgreich leitete. Ihr gelang es noch, ihre Mutter nach Brasilien zu holen. Lieselotte Reis traf in São-Paulo ihre frühere Freundin Liselotte Maschke aus Berlin, die oft in Wolfenbüttel bei ihrer Tante Ferien verlebt hatte. Sie war mit Ernest A. Boas verheiratet. Einige Jahre nach ihrem Tod heiratete Boas Lieselotte Reis. In den 1960er Jahren übersiedelte die Familie in die Schweiz. Beide Eheleute sind im hohen Alter gestorben, ihr Doppelgrab liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Wolfenbüttel.

 

Familie
Clara Reis →
Hans Jürgen Reis →