Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Bahnhofstraße

Max Cohn

Bahnhofstraße 4

geb. 18. Juni 1895 in Wolfenbüttel, deportiert 1943
Theresienstadt, überlebt, gest. 1972 in Coesfeld

 

Max Cohn kehrte schwer verletzt aus dem Ersten Weltkrieg nach Wolfenbüttel zurück. Seinen linken Arm hatte er für sein Vaterland gegeben, so sah er es jedenfalls. Schon allein aufgrund dieser patriotischen Haltung glaubte er, von den Diskriminierungen und Entwürdigungen der Nationalsozialisten gegen Juden ausgenommen zu werden. Doch bereits im Oktober 1919 hätte sich erahnen lassen können, dass die Nationalsozialisten Juden nicht einmal die Liebe zu ihrem Land zugestehen würden.

 

Die Wolfenbütteler Antisemiten riefen im Oktober 1919 zu einer judenfeindlichen Veranstaltung auf. Schwarz-weiß umrandete Plakate luden zu einem Vortrag von Professor Ferdinand Werner aus Gießen im Gemeindesaal der Hauptkirchengemeinde ein, der zur Judenfrage reden sollte. Das Plakat trug die Warnung: Juden unerwünscht! Als Herausforderung, die er nicht stillschweigend hinnehmen wollte, empfanden Werner Ilberg und Max Cohn die Warnung: „Juden unerwünscht!“ Die zwei Wolfenbütteler jüdischen Veteranen des Ersten Weltkrieges entschlossen sich zum Besuch der Versammlung, weil sie annahmen, verdiente Frontkämpfer konnten nirgends unerwünscht sein. Ordensgeschmückt gingen sie hin, kauften sich eine Eintrittskarte für 50 Pfennig und ließen sich im Saal nieder. Darüber, was dann geschah, berichtete der sozialdemokratische „Volksfreund“: Der Saal war dicht gefüllt. Der Wissenschaft halber hatten sich auch zwei hiesige jüngere jüdische Einwohner zu der Versammlung eingefunden. Sie wurden als durchaus nicht in den Kreis passend angesehen und dahin verwiesen, woher sie gekommen waren. Sie beriefen sich jedoch auf ihre bezahlten Einlaßkarten und erklärten, den Saal nicht freiwillig verlassen zu wollen. Da die Herrschaften aber hübsch unter sich sein wollten, wurden die lästigen Besucher kurzerhand mit Gewalt aus dem Saal herausbefördert, wobei einer dieser jungen Leute - ein schwer Kriegsbeschädigter - mit blutigem Kopfe draußen ankam. (...) Da gerade die hiesigen Antisemiten, die sich während des Krieges beim Durchhalten predigen gegenseitig übertrafen und immer gern und freudig die Massen dem Moloch Krieg opferten, sich selbst jedoch recht weit vom Schuß hielten, es fertig bringen, einen wehrlosen einarmigen Menschen zu mißhandeln, ist unerhört.

 

Max Cohn musste nach dem Ende der Firma seiner Eltern aus beruflichen Gründen Wolfenbüttel 1934 verlassen. In Wiedenbrück in Westfalen fand er eine neue Tätigkeit. Am 31. Juli 1942 wurde er in Wiedenbrück festgenommen und anschließend in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort traf er seine Mutter, die aufgrund der furchtbaren Lebensbedingungen dort am 19. April 1944 in seinen Armen starb. Max Cohn überlebte das Lager und kehrte nach Wolfenbüttel zurück. In Wiedenbrück konnte er schon bald seine frühere Tätigkeit fortführen. Über seinen Aufenthalt in Theresienstadt hat er einen ausführlichen Bericht geschrieben. Engagiert und mutig kämpfte er schließlich für die Rückgabe des Vermögens seiner Eltern. Dieser Kampf dauerte bis 1959. Er starb 1972 in Coesfeld.

 

Familie
Pauline Cohn

Pauline Cohn
geborene Elzbacher

Bahnhofstraße 4

geb. 1. März 1871 in Rietberg, deportiert 1943
Theresienstadt, gest. 19. April 1944

 

Pauline Cohn und ihr im August 1942 gestorbener Ehemann Samuel Cohn hatten vier Kinder: Max, Ludwig, Betty und Hans. Alle konnten überleben. Außer Max, der aus dem KZ-Theresienstadt nach Wolfenbüttel zurückkehren konnte, flüchteten die anderen früh genug in die USA und nach Palästina. Kurz vor ihrer Deportation nach Theresienstadt am 16. März 1943 schrieb sie ein paar Tage vorher noch einen Brief an ihre im Ausland lebenden Kinder:
Meine geliebten Kinder alle, ob ihr diesen Brief jemals bekommt ist fraglich. Ich will aber versuchen Euch zu schreiben. Ich bin allein, meine Gedanken sind immer bei Euch allen, aber am meisten denke ich an Max. Wie wird es ihm gehen, ob er hungert, ob er friert, man kann bald nicht mehr denken. Ich hatte eine Karte vom 4.12.42. Er wäre gesund und hätte Arbeit, ich darf ihm einmal im Monat schreiben und alle 4 Wochen ein Päckchen schicken. Von den anderen fehlt jede Nachricht. Er ist in Theresienstadt. Es ist alles so schrecklich, Ihr könnt es Euch nicht denken. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist an uns die Reihe.
Max Cohn, der seine Mutter in Theresienstadt betreuen konnte, beschrieb in seinen Erinnerungen den Tod seiner Mutter:

Im Herbst und Winter 1943 hatte Mutter viel unter Hämorrhoiden zu leiden. Ich hatte einen Arzt kennengelernt, der in Theresien­stadt eine Spezialbehandlung durchführte und dem ich Mutter zu­führte. Dieser stellte einen wenn auch leichten Darmriss fest. Das ist eine furchtbar schmerzhafte Sache. Der Arzt war trotzdem der Ansicht, alles bald beheben zu können. Sie musste montags und donnerstags zu ihm. Ich habe mich immer von der Arbeit fortgedrückt, um sie hin und zurück zu bringen, da sie doch sehr schwach war. Mitten in der Behandlung bekam sie den gefürchteten Durchfall, und das bedeutete bei alten und den meisten jungen Leuten den Tod. Ich habe damals den Trauring von Vater verkauft und Medikamente und gute Lebensmittel dafür eingetauscht, aber es hat nichts ge­holfen. Die näheren Umstände kann ich Euch nicht alle schildern. Sie war zum Schluss gut in dem besten Krankenhaus von Theresien­stadt untergebracht und ist am 19. April 1944 abends gegen 10.30 Uhr in meinem Arm sanft eingeschlafen.

 

 

Familie
Max Cohn

Halchtersche Straße

Johanna Cohn
geborene Katz

Halchtersche Straße 8

geb. 24. März 1893 in Ovenhausen, deportiert 1942
Ziel und Schicksal unbekannt

 

Johanna Cohns Schicksal ist eng verbunden mit dem Unheil, das ihren Ehemann Hugo Cohn traf. Auch sie wurde deportiert, nachdem sie und ihr Ehemann gezwungen worden waren, am 18. April eine Vermögenserklärung auszufüllen. Johanna Cohn kehrte nicht zurück. Im Gedenkbuch der Bundesregierung liest man hinter ihrem Namen: Verschollen, Todesort unbekannt. Johanna und Hugo Cohn besitzen kein Grab. Sind sie erschossen oder erschlagen worden, sind sie auf dem Transport oder später an den furchtbaren Lebensumständen gestorben? Sind ihre sterblichen Überreste verscharrt oder verbrannt worden? Sind ihre Körper Teil der mit unbekannten Gräbern kontaminierten Landschaften in Osteuropa, beschrieben von Martin Pollack?* Diese Fragen können nicht beantwortet werden. Die einzige sichtbare Erinnerung sind zwei Stolpersteine vor dem Haus, in dem die Familie Cohn viele Jahrzehnte gewohnt hat.

 

Johanna Cohn besaß einst gemeinsam mit ihrer in Höxter wohnenden Schwester, Sophie Netheim, geb. Katz, zu je einer Hälfte ein Grundstück bei Dössel in der Nähe von Warburg. Das dortige Finanzamt bat am 1. August 1942 unter dem Betreff „Abschiebung der Juden“ das Wolfenbütteler Finanzamt um Mitteilung, ob die in ihrem Bezirk wohnhafte Jüdin abgeschoben ist. Das Wolfenbütteler Finanzamt hatte seinerseits bei der Kreisparkasse Höxter um Auskunft über ein Sparbuch von Frau Cohn gebeten, das ihr offenbar vor der Deportation abgenommen worden war. Die Sparkasse antwortete, das Sparbuch sei auf Jahreskündigung angelegt und das Guthaben sei noch nicht gekündigt: Wir sind bereit, Ihnen das Guthaben mit Zinsen gegen Vorlage des Sparbuches sofort zu überweisen, wenn Sie sich damit einverstanden erklären, für die nicht innegehaltene Kündigungszeit einen Vorschusszins von 13/16 % für 360 Tage = RM 11,74 kürzen zu lassen.

 

Ob kleine oder große Beträge, die Versuche der Bereicherung an geraubtem Vermögen jüdischer Deutscher war grenzenlos und intensiv. Die Finanzämter des Staates Deutschland nahmen sogar Konfrontationen untereinander in kauf, um die ihnen zustehenden Teile der jüdischen Vermögen einzuziehen, die letztendlich doch im großen Topf des Reiches zusammengeführt wurden. Waren es bürokratisch-rechtliche Grundlagen, die die Finanzämter praktisch um jede Reichsmark kämpfen ließ, oder waren es auch persönliche Eitelkeiten von Beamten, die sich durch möglichst hohe Einnahmen aus jüdischen Vermögen Vorteile für ihre Laufbahnen versprachen – oder beeinflussten verborgene und nun hervortretende Vorurteile über die angeblich zu Unrecht reich gewordenen Juden deren Ausplünderung?

 

* Pollack, Martin, Kontaminierte Landschaften, St. Pölten 2014.
(Die Gräber sollen unsichtbar werden, in der Landschaft verschwinden, um die namenlosen Opfer für immer aus der Welt zu schaffen: ohne Leiche kein Verbrechen und ohne Verbrechen keine Anklage.)

 

 

Familie
Hugo Cohn
Siegfried Cohn

Hugo Cohn

Halchtersche Straße 8

geb. 1. April 1885 in Steinheim, deportiert 1942
Ziel und Schicksal unbekannt

 

Hugo Cohn betrieb die von seinem Vater Isaak um 1886 in Wolfenbüttel gegründete Viehhandlung und wohnte mit seiner Frau Johanna und seiner Mutter Helene in der Halchterschen Straße 4. Mutter Helene starb am 9. November 1939. Ein Jahr vorher, nach der Pogromnacht zum 10. November 1938, brachten ihn die Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Buchenwald. Nach der Entlassung im Dezember 1938 setzte er sofort alles daran, Deutschland mit seiner Frau zu verlassen. Bereits am 19. Dezember 1938 informierte die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten in Hannover das Finanzamt Wolfenbüttel über die Ausreisepläne des Ehepaares. Als Begründung wurde die Absicht angegeben, er wolle sein Grundstück verkaufen: Beurkundung eines Kaufangebotes des Mineralwasserfabrikanten Will Schröder, Wolfenbüttel, durch Notar Meinecke, Einheitswert RM 14.800.1

Am 21. Januar teilte Hannover dem Finanzamt mit, Cohn stünde mit der Braunschweiger Speditionsfirma Schenker in Verhandlung, Umzugsgut ins Ausland zu bringen. Als Reiseziel wurde Australien angegeben. Am 14. April 1939 erließ der Oberfinanzpräsident eine Sicherungsanordnung nach § 59 des Devisengesetzes und untersagte Hugo Cohn, über sein inländisches und ausländisches Vermögen zu verfügen. Aufgeführt wurden der Kaufpreis für sein Grundstück auf einem Sperrkonto bei der Filiale der Deutschen Bank in Wolfenbüttel, ein von dieser Bank geführtes Sparbuch und ein laufendes Konto bei der Sparkasse Höxter. Erlaubt wurden ihm monatlich 400 RM vom Konto in Höxter für die Bestreitung seines Lebensunterhaltes zu beziehen.

 

Offenbar misslang die Flucht. Bis zum Juli 1941 wohnte das Ehepaar in der Langen Herzogstraße 46 und musste anschließend zur Witwe Hirsch in die Auguststraße 6 ziehen. Auch diese Unterkunft mussten sie im September 1941 wieder verlassen und schließlich in das „Judenhaus“ Lange Straße 34 ziehen. Dort wohnten sie in zwei kleinen Zimmern mit Anteilen an einer Küche und einem Keller. Hugo Cohn arbeitete zuletzt bei Fritz Oppermann am Alten Weg und verdiente 70 RM im Monat. Die Deportation erfolgte am 31. März 1942. Das weitere Schicksal ist unbekannt. Bekannt ist aber, dass er nie zurückkehrte.

 1 StA Wf, 15 R4, Nr. 8. Das Grundstück wurde am 17. April (zwangsweise) verkauft.

Familie
Johann Cohn
Siegfried Cohn

Siegfried Cohn

Halchtersche Straße 8

geb. 7. August 1878, deportiert 1941
Gurs, Schicksal unbekannt

 

Siegfried Cohns Bruder Otto starb bei Kämpfen im Ersten Weltkrieg an der Somme. Sein Bruder Erich Cohn erlag 1927 Verletzungen nach einem Autounfall bei Hornburg. Zwei weitere Brüder starben in Wolfenbüttel im jugendlichen Alter. Sein Bruder Hugo wurde deportiert und kehrte nie zurück. Ein Familienschicksal, das offenbar keine Überlebenden hatte. Auch über den Verbleib von Siegfried Cohn ist bisher nicht viel bekannt. Nur ein kleiner Hinweis in einer Akte des Niedersächsischen Staatsarchivs Wolfenbüttel ermöglicht Vermutungen über sein Schicksal: Hugo Cohn wollte im Juni 1941 seinem Bruder Siegfried, der früher in Karlsruhe gewohnt hat und nun als „Zivilinternierter“ im Camp de Gurs in den Pyrenäen leben musste, 20 RM überweisen. Das wurde aufgrund der geltenden Bestimmungen vom zuständigen Devisenamt abgelehnt. Da Siegfried Cohn nicht überlebt hat, muss davon ausgegangen werden, dass er mit vielen anderen Menschen aus Gurs in ein Vernichtungslager deportiert worden ist.
Nach Gurs sind vor allem in Südwestdeutschland lebende Juden deportiert worden. Über das „Sammellager“ Drancy bei Paris wurden sie später nach Auschwitz deportiert. Einer von ihnen war der Wolfenbütteler Joachim Esberg, der nach 1933 Belgien geflüchtet war.

 

Familie
Johann Cohn
Hugo Cohn