Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Lange Herzogstraße

Hermann Daniel

Lange Herzogstraße 35

geb. 29. Dezember 1867 in Schmiersen (Kreis Thon), Flucht 1939, Holland
deportiert 1943, Sobibor, gest. 1943

 

Hermann Daniel war verheiratet mit der schon früh verstorbenen Elsa Meyer. Zwischen 1922 und 1924 übernahm Hermann Daniel das Geschäft der Gebrüder Braunsberg in der Langen Herzogstraße 35. In einer halbseitigen Anzeige im Wolfenbütteler Adressbuch 1926 warb er dafür, pries sein Geschäft als das „Haus der Qualitätswaren“ an und gehörte mit seinem umfangreichen Angebot an Textilien zu einer wichtigen Einkaufsstätte in der Lessingstadt. Einige Wochen nach den Lessingfeiern veranstaltete er im September 1929 in „Leistes Festsälen“ eine Große Modenschau unter Mitwirkung namhafter Kunstkräfte! Das Programm enthielt Auftritte von Gerda Goldé, Solotänzerin der Staatsoper Berlin, dem schönsten Revue-Girl des Großen Schauspielhauses Berlin, Lu Butler, und neben anderen Künstlern auch Alexander Schäffer, bekannt als Klavierhumorist und geistreicher Plauderer.

 

Das erfolgreiche Geschäftsleben mit vielen sozialen Kontakten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und auch mit christlichen Bekannten hätte noch Jahrzehnte weitergehen können. Doch dann wurden die Nationalsozialisten nicht zuletzt auch durch Wahlen immer stärker, vor allem aber auch gewalttätig. Seine Kunden wurden von denen aufgerufen, nicht mehr bei ihm zu kaufen. Ein Zettel mit dieser Aufschrift wurde verteilt: Pfui! Deutscher Volksgenosse auch Du kaufst noch beim Juden? Seine Tochter Betty war verheiratet mit Georg Hirsch, der Mitinhaber des Geschäfts war. Im Juli 1938 „erwarb“ das Geschäft der Wolfenbütteler Kaufmann Willi Sparmann. In der Lokalzeitung informierte er die Wolfenbütteler, mit Zustimmung der Behörden und parteiamtlichen Stellen habe er Daniels Kaufhaus erwerben können.

 

Hermann Daniel, seine jüdischen Angestellten Walter Groß und Johann Hollander und seine Tochter mit Schwiegersohn und Enkelin Ellen Senta flüchteten nach Holland. Das Vorhaben Daniels und seiner Kinder, in die USA zu flüchten misslang. Hermann Daniel wurde aus Holland in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo er ermordet wurde.

Familie
Betty Hirsch, geb. Daniel →
Georg Hirsch →
Ellen Senta Hirsch →

Bahnhofstraße

Claire Doblin
Geborene Pohly

Bahnhofstraße 10

geb. 21. Februar 1913 in Wolfenbüttel, Flucht
USA, überlebt, gest. 24. Mai 2000 in New York

 

Claire Doblin hat eine Dokumentation über das Schicksal ihrer weit verzweigten Familie geschrieben. Die Einleitung beginnt so: Wie konnte ein entwickeltes Land in einer demokratischen Wahl für Adolf Hitler stimmen und ihm blindlings folgen? Wie konnten sie die Grausamkeiten gegen Juden und andere Minderheiten stillschweigend dulden und sogar noch applaudieren? Ich glaube, nicht alle Deutschen wußten über die Unmenschlichkeiten Bescheid, aber was sie wußten und sahen war genug. Sie erinnert an ihre Schulzeit, als die Kinder des „Stahlhelms” ihre Schwester und sie und andere jüdische Freundinnen in Angst versetzten. Auf unserem Weg zur Schule begegneten wir einer Gruppe von pöbelnden Jungen. Es war ihr Vergnügen, uns mit antijüdischen Parolen in einer schmutzigen Sprache zu belästigen. Schlimm war es im Winter, wenn sie uns mit Schneebällen bewarfen, in denen sich Steine befanden. Ich erinnere mich auch an die antisemitischen Lieder der feinen jungen Damen vom Lyceum, in denen sie sich über unser jüdisches Aussehen, unsere Hakennasen und unser schwarzes Haar lustig machten. Als Familie lebten wir in enger Gemeinschaft immer mit der Angst, was als nächstes geschehen würde: Ein Telefonanruf spät in der Nacht oder ein Klopfen an der Tür versetzte uns in Panik. Ich verließ Deutschland im April 1933.

 

Von der Schweiz aus, in der auch ihr Bruder Jürgen lebte und studierte, organisierte sie die Flucht ihrer Eltern und ihrer Schwester Eva Kaufmann. In den ersten Jahren der Nazizeit durften Juden aus Deutschland noch ausreisen und wieder zurückkehren. Ihre Eltern, die als herzliche, warme und hilfreiche Menschen beschrieben werden, besuchten sie dort mehrfach, obwohl es immer ein Risiko war. Man wusste nie, wie die Grenzpolizei Juden gegenüber reagieren würde. Ab 1937 fanden die Besuche nicht mehr statt. Nach 1945 ist sie mehrfach nach Wolfenbüttel zurückgekehrt.

 

Familie
Max Pohly →
Regina Pohly →
Grete Pohly →
Jürgen Pohly →
Julius Pohly →
Eva Kaufmann, geb. Pohly →