Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Neuer Weg

Bertha Eichengrün
geborene Meyersberg

Neuer Weg 34 (Adolf-Hitler-Straße bis 1945)

geb. 22. September 1867 in Einbeck, deportiert 1943
gest. 15. August 1943

 

Bertha Eichengrün heiratete den Lehrer Gustav Eichengrün. Schon bald nach der Hochzeit zog das Paar nach Wolfenbüttel, wo ihr Ehemann eine Anstellung an der jüdischen Samsonschule aufnahm. Das Paar hatte zwei Kinder, die Tochter Grete und den Sohn Hans. Hans Eichengrün zog in den Ersten Weltkrieg. Er „diente“ bei einer Einheit in Celle. Seine Eltern besuchten ihn, um sich von ihm zu verabschieden. Am zweiten Mobilmachungstag kam er an die Westfront. Am 6. September 1914 starb er beim Essenholen durch einen Volltreffer. Der sehnlichste Wunsch des Ehepaares war es, den Lebensabend in Palästina zu verbringen. Das gelang nicht mehr. Mit ihrem Mann wurde Bertha Eichengrün nach Theresienstadt deportiert. Sie starb am 6. Oktober 1943, knapp ein halbes Jahr nach ihrem Mann. Sie wurde am 8. Oktober eingeäschert. Gräber haben sie nicht bekommen. Ihre Asche wurde gemeinsam mit der vieler anderer Gestorbener im November 1944 massenweise in den Fluss Eger geschüttet.

 

Familie
Gustav Eichengrün
Grete Schaye, geb. Eichengrün →
Hans Bernhard Schaye →
Eva Schaye →

 

Gustav Eichengrün

Neuer Weg 34 (Adolf-Hitler-Straße bis 1945)

geboren 9. April 1864 in Hegensdorf, deportiert 1943
Theresienstadt, gest. 28. April 1943

 

Gustav Eichengrün war Lehrer an der Wolfenbütteler Samsonschule von 1888 bis zur Schließung des jüdischen Internats 1928 aus wirtschaftlichen Gründen. Von 1902 bis 1919 engagierte er sich auch für die Stadt Wolfenbüttel als Stadtverordneter. Eichengrün engagierte sich schon früh gegen den aufkeimenden Antisemitismus. Als 1893 in Wolfenbüttel die erste große antisemitische Versammlung stattfand, trat er dem Hauptredner entgegen, dem Reichtagsabgeordneten Leuß, der von den deutschen Juden als „fremde Nation“ gesprochen hatte: : Im Tone berechtigter Entrüstung erklärte er, daß die Scholle, auf welcher der Jude geboren und welche er liebgewonnen habe, sein Vaterland sei und daß von einer „fremden Nation” keine Rede sein könne. Bezüglich Heinrich Heines, welchen Herr Leuß zitiert hätte, erklärte Hr. Eichengrün, mit ihm habe das Judenthum nichts zu thun, der sei zum Christenthum übergetreten. Er schloß mit einem Verse, dessen Sinn ungefähr der war, daß man jeden guten Menschen ohne Rücksicht auf seine Religion achten und lieben solle, aber: Ein schlechter Jud, ein schlechter Christ/Der Teufel hol sie beide! 1919 trat er nicht mehr zur Stadtverordnetenwahl an, da ihm nun von Wolfenbüttelern antisemitische Beschimpfungen entgegenschlugen.

 

Die Eichengrüns mussten ihr Haus nicht, wie alle anderen Familien, verlassen, um bis zur Deportation in einem „Judenhaus“ zu wohnen. Um den Lebensunterhaltung durch die noch verbleibende Einnahmequelle „Vermietung“ zu finanzieren, lebten die beiden zuletzt noch in einem Zimmer. Fast die gesamte Wohnungseinrichtung hatte Gustav Eichengrün bereits verkauft. Bei ihnen wohnte bis zum Ende auch das Ehepaar Pauline und Samuel Cohn. Gustav Eichengrün hatte gehofft, dass man ihn und seine Frau wegen ihres hohen Alters, seiner kommunalpolitischen Verdienste und dem Kriegstod seines Sohnes Hans nicht behelligen würde. Kurz vor der Deportation war er zur Gestapo nach Braunschweig vorgeladen. Dazu durfte er die Straßenbahn benutzen, die fast leer war. Trotzdem mußte er die ganze Fahrt vorn in der Fahrerkabine stehen . Die Eichengrüns sind am 16. März 1943 von Braunschweig aus nach Theresienstadt deportiert worden. Auf der Ladefläche eines LKW sei der Transport des 79jährigen Mannes und seiner 76jährigen Ehefrau zum Zug nach Braunschweig erfolgt. Kurz vor der Abfahrt wurde dem Ehepaar von der Gestapo ihr letztes noch verbliebenes Bargeld in Höhe von 0,82 RM abgenommen, damit es das Finanzamt einziehen konnte.

 

Der Transport erreichte Theresienstadt aus Berlin kommend am 18. März 1943. Sie wohnten in der Parkstraße 4. Gustav Eichengrün starb bereits ein paar Wochen später am 27. April 1943, die Einäscherung erfolgte am Tag darauf.

 

Familie
Bertha Eichengrün
Grete Schaye, geb. Eichengrün →
Hans Bernhard Schaye →
Eva Schaye →

 

Schützenstraße

Lore Eppy
Geborene Kirchheimer

Schützenstraße 20

geb. 27. März 1921 in Wolfenbüttel, Flucht 1938
USA, überlebt

 

Lore Eppy setzte den lebendigen Kontakt zu Wolfenbüttel, den ihr Vater bis zu seinem Tod aufrecht hielt, durch ungezählte sommerliche und mehrwöchige Besuche in Wolfenbüttel fort. Ihre Situation als Schülerin beschrieb sie der Braunschweiger Zeitung 1983: In 1933, da fing alles erst an, war ich doch erst zwölf Jahre alt. Es war manchmal nicht schön, Jude zu sein. Ich war in der Mittelschule bis 1936. Dann ließ man mich wissen, mitten im Schuljahr, daß ich nicht mehr zurückkommen sollte. All die Bedrängnisse, die sie sicher erlebt hat, konnte sie mit der Zeit verdrängen oder gar vergessen. Wenn Sie nach Wolfenbüttel kam, brachte sie immer Fotos aus dem Archiv ihres Vaters mit, dem passionierten Fotografen. Die Fotos und andere Dokumente ließ sie hier und trug erheblich dazu bei, vielen jüdischen Wolfenbüttelern Namen und Gesichter zurückzugeben. Lore Eppy, die (September 2015) hoch betagt in New York lebt, hält, seit sie aus Altersgründen nicht mehr nach Wolfenbüttel kommen kann, nun über Telefon alte Kontakte aufrecht. Gefragt, warum ihr Vater nie wieder zurückgekehrt oder wenigstens mal zu Besuch gekommen sei, beantwortete sie so: Dann hätte er sich ja erneut aus seiner Heimatstadt, die er liebte, verabschieden müssen.

 

Familie
Alice Kirchheimer →
Grete Leven, geb. Kirchheimer →
Hans Kirchheimer →
Martha Kirchheimer →
Dr. Siegfried Kirchheimer →

Lange Herzogstraße

Alfred Esberg

Lange Herzogstraße 46

geb. 3. März 1897, deportiert
Schicksal unbekannt

 

Alfred Esberg war der Bruder von Heinz und Ivan Esberg. Heinz Esberg konnte mit seiner Familie aus Braunschweig in die USA flüchten, Ivan Esberg überlebte versteckt in den französischen Pyrenäen, Alfred Esberg, behindert, musste das Haus in der Langen Herzogstraße verlassen und lebte zusammen mit zwei Tanten in dem „Judenhaus“ in der Karrenführerstraße 5. Er wurde deportiert. Sein weiteres Schicksal, außer, dass er nie zurückkehrte, ist unbekannt.

 

Familie
Ivan Esberg
Joachim Esberg
Gertrud Meyerstein →
Ida Meyerstein →

Ivan Esberg

Lange Herzogstraße 35

geb. 24. September 1886 in Duderstadt, Flucht 1936, Belgien
deportiert 1940, Gurs, überlebt

 

Ivan Esberg und seine beiden Brüder Ernst und Alfred hatten die um 1892 in Wolfenbüttel von ihrem Vater Abraham gegründete Pferdehandlung geerbt und erfolgreich weitergeführt. Wie alle jüdischen Deutschen gehörenden Unternehmen wurden den Eigentümern im Laufe der Jahre nach der Ernennung Hitlers und der brutalen Aneignung der absoluten Macht die Betriebe und deren Vermögen durch den nationalsozialistischen Staat geraubt. So erging es auch den Esbergs, die ihre Firma verloren und das große Fachwerkhaus im Zentrum Wolfenbüttels.

 

Ivan Esberg flüchtete 1936, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Suse, nach Belgien und folgte seinem Sohn Joachim, der bereits im August 1933 nach Gent entflohen war. Sie wähnten sich dort in Sicherheit. Kurz vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Belgien schob die Belgische Regierung in Belgien lebenden Juden nach Frankreich ab, in mehrere Lager in der Nähe der Pyrenäen. Ivan Esberg, sein Sohn Joachim und dessen Cousin, der auch Joachim hieß, mussten in Kauf nehmen, nun in dem Lager Gurs zu leben und der Dinge zu harren, die noch kommen würden. Vom sicheren Leben außerhalb Deutschlands konnten sie nicht mehr ausgehen, da inzwischen auch Frankreich überfallen worden war. Ivan konnte aus dem Lager entkommen und sich mit Hilfe von Franzosen versteckt halten. Die beiden Joachims wurden nach Auschwitz deportiert. Sie kehrten nie zurück. Ivan Esberg überlebte, kehrte nach Gent zurück, heiratete dort Trude Gramm, die Auschwitz überlebt hatte. In den 1950er Jahren lebten sie zeitweise auch in Wolfenbüttel. Ivan Esberg starb am 6. Februar 1987 in Gent.

 

Weitere Informationen:

Esberg, Joachim, Nun wißt ihr was soll es bedeuten - Gedichte vor Auschwitz, Braunschweig 2015.

 

 

Familie
Alfred Esberg
Joachim Esberg
Gertrud Meyerstein →
Ida Meyerstein →

Joachim Esberg

Lange Herzogstraße 46

geb. 19. September 1916 in Hannover, Flucht 1936,  Belgien
deportiert 1940, Gurs, Auschwitz, 1942 ermordet

 

Joachim Esberg besuchte das Wolfenbütteler Gymnasium „Große Schule“. Sein Vater, der erfolgreich im Pferdehandel tätige Unternehmer Ivan Esberg, riet ihm nach der gewaltsamen Aneignung der staatlichen Macht durch Hitler das Land zu verlassen. Joachim Esberg floh im August 1933 nach Gent, machte dort das Abitur und studierte anschließend unter anderem auch Germanistik. Mit seiner nach England geflüchteten Freundin Lore Schloss unterhielt er einen eindringlichen Briefwechsel. Zur gleichen Zeit schrieb er 50 Gedichte in eine Kladde, die nach 70 Jahren erst aufgefunden worden sind.

Joachim Esberg und sein Cousin Joachim Gramm sowie sein Vater wurden kurz vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht von den belgischen Behörden in ein Lager in der Nähe der französischen Pyrenäen abgeschoben. Später, als die Deportation von Juden in Frankreich begannen, wurden auch sie nach Auschwitz deportiert. Beide kehrten nicht zurück.

 

Eine große Auswahl der Gedichte mit den Briefen an seine Freundin und weitere Begleittexte sind in diesem Buch veröffentlicht:

 

Esberg, Joachim, Nun wißt ihr was soll es bedeuten - Gedichte vor Auschwitz, Braunschweig 2015.

 

 

Familie
Alfred Esberg
Ivan Esberg
Gertrud Meyerstein →
Ida Meyerstein →