Namen und Biografien

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Fritz-Fischer-Straße

Fritz Fischer

Fritz Fischer

Fritz-Fischer-Straße 22-22a

geb.  20. April 1891 in Wolfenbüttel-Linden, verhaftet 06. Juli 1933
tot 7. Juli 1933, gefoltert von der NSDAP-Kreisleitung Wolfenbüttel Mühlenstraße


Nach dem Besuch der Volksschule lernte Fritz Fischer den Beruf des Maurers. Den Ersten Weltkrieg verbrachte er in einer Fliegereinheit. Er erhielt eine Ausbildung zum Funker, erwarb Kenntnisse im Lesen militärischer Karten und war Flugzeugbeobachter. 1918 kehrte er, mit dem EK II ausgezeichnet, nach Wolfenbüttel zurück. Er schloss sich der USPD an und gründete nach einer politischen Wende der Partei mit Genossen 1919 die Wolfenbütteler KPD. Schon bald erhielt er führende Ämter und wurde auch zum Stadtverordneten gewählt. Hier vertrat er mit großer Entschiedenheit soziale Belange, die durchaus auch zum Erfolg führten. Er unterstützte auch den weiteren Ausbau der Weltlichen Schule in der Kanzleistraße. Durch seine ideologische Agitation geriet er schon bald ins Visier der anderen Parteien, besonders der Nationalsozialisten. Die revolutionäre Ausrichtung der KPD führte zu einer engen Überwachung der Partei und ihrer Mitglieder durch die von Militärs geleiteten Sicherheitsorgane. So wurden Fischer und sein Genosse Alfred Perkampus verdächtigt, ihre militärisch/fliegerischen Kenntnisse bei einem befürchteten Umsturz anwenden zu wollen. Bei Fischer fand daher am 5. Oktober 1924 eine Hausdurchsuchung statt. In dem polizeilichen Bericht wird er zitiert: „Ich bin kein militärischer Leiter für meinen Wohnort, sondern ich habe nur die politische Leitung des Kreises Wolfenbüttel der KPD.”

Fischers Tätigkeit im Roten Frontkämpferbund und seine kompromisslose Haltung gegen die NSDAP und ihre in Wolfenbüttel agierenden Kämpfer speicherten deren gewalttätigen Haß für die Zeit nach dem Sieg, den sie erringen wollten. Während einer Stadtverordnetenversammlung wollte der Versammlungsvorsitzende Isensee (NSDAP) Fischer am weiteren Reden hindern. Da der überforderte Vorsitzende aber nicht die entsprechenden Paragraphen der Geschäftsordnung kannte und hilflos reagierte, überreichte Fischer ihm eine Schiefertafel zum Notieren der Paragraphen. Hohn und Spott gegenüber dem politischen Gegner, oft auch persönlich ausgerichtet, bildete zu dieser Zeit nicht nur die Vorgehensweise der KPD gegenüber den Nationalsozialisten. Auch die Hauptgegner der NSDAP, SPD und KPD bekämpften sich verbal so sehr, dass eine gemeinsame Haltung gegenüber den Nationalsozialisten unmöglich wurde. Beide Parteien schreckten nicht davor zurück, die jeweils andere zeitweilig in die Nähe der Nazis zu rücken. Mittendrin kämpfte Fritz Fischer, der auch für das KPD-Blatt „Rotes Sprachrohr, Ortszeitung der Arbeiter Wolfenbüttels” schrieb, uneigennützig und engagiert für seine Ideale. Fritz Fischer vertrat die KPD auch im Kreistag. Als er im Januar 1933 als Listennachfolger des KPD-Landtagsabgeordneten Ernst Winter dessen Nachfolge antreten sollte, schrieb er dem Landtagspräsidenten: „Da ich nicht mehr Mitglied der kommunistischen Partei bin, muß ich auf die Übernahme eines Mandats als Landtagsabgeordneter verzichten.” Der Volksfreund, die in Braunschweig erscheinende SPD-Zeitung, hatte im Juni 1932 über Probleme in der Wolfenbütteler KPD berichtet, nachdem Fritz Fischer von Erich Müller im Amt des 1. Vorsitzenden abgelöst worden war. Im Zusammenhang mit anderen parteiinternen Vorgängen war Fischer aus der Partei ausgetreten.

Fritz Fischer war 1933 aufgrund beruflicher Auswirkungen bereits sehr krank. Nachdem Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war, begannen die Wolfenbütteler Nazis damit, die daraus resultierende Macht zunächst gegen Kommunisten und Sozialdemokraten zu missbrauchen. Der jahrelang aufgestaute Haß wurde umgesetzt in gewalttätige Rachemaßnahmen gegen Einzelpersonen, in Einschüchterung der Bevölkerung und „Säuberung” des öffentlichen Lebens von politisch Andersdenkenden.

Am 6. Juli 1933 trafen sich der SS-Hauptsturmführer und Führer der Wolfenbütteler SS-Hilfspolizei, Josef Keppels, NSDAP-Kreisleiter Hermann Lehmann und weitere Nazi-Chargen im Café Lambrecht in der Langen Herzogstraße und planten die gewalttätige Racheaktion gegen stadtbekannte Kommunisten. 15 Männer wurden nachts aus ihren Wohnungen geholt und in die NSDAP-Kreisleitung in der Mühlenstraße verschleppt. Hier erlitten sie in der ersten Etage durch die furchtbaren Schläge mit Gummiknüppeln und Ochsenziemern lebensgefährliche Verletzungen.

Fischer wurde beim Betreten des Raumes, in dem die Folterungen stattfanden, die Hose heruntergerissen und auf einen Tisch geworfen und fürchterlich geschlagen. Nach der Tortur war er nicht mehr in der Lage, selbständig zu gehen: Er war voller Blut, und der Darm trat ihm aus dem After heraus. Man fasste ihn am Kragen und schleppte ihn zu dem bereits zu Tode geprügelten Alfred Perkampus. Am nächsten Morgen wurden die Männer in das KZ in der Braunschweiger AOK gebracht.

Hier war Fritz Liebold mit Fischer in einem Raum eingesperrt. Er berichtete später: „Es mag wohl gegen 7.30 Uhr gewesen sein, als Fischer, welcher neben mir lag, einmal austreten wollte, aber hierzu aus eigener Kraft nicht mehr fähig war. Heise und ich nahmen dann Fischer unter die Arme und brachten ihn zur Toilette. Fischer war so schwach, daß ich ihm sein Geschlechtsteil herausnahm. Ich stellte beim Urinlassen fest, daß Fischer keinen Urin, sondern lauter Blut abließ. Ein Zeichen dafür, daß ihm seine Nieren abgeschlagen waren. Nach einer dreiviertel Stunde blickte ich zu Fischer hinüber und sah, dass er mich mit seinen Augen rief, näher zu kommen. Ich legte mein Ohr an seinen Mund. Seine Worte: „Fritz, grüße mir mein Lieschen noch einmal und merke Dir, dieses ist wahrer Faschismus.” Er verstarb.”

Auf dem Friedhof in der Lindener Straße befindet sich die Gedenkstätte für die in dieser Nacht ermordeten und gefolterten Männer.

siehe auch

Alfred Perkampus →