Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Kommissstraße

Rosalie Hodenberg

Rosalie Hodenberg
geborene Schönfeld

Kommissstraße 4

geb. 14. April 1866 in Gleidingen, deportiert 1944, Theresienstadt,
ermordet 8. April 1944

 

Frau Hodenberg wohnte bei den Rhées in der Kommissstraße. Als ihre Angehörigen Ende 1938 nach Brasilien flüchteten blieb sie, 72 Jahre alt, in Hannover zurück. Wann sie in das Jüdische Altenheim in der Ellernstraße in Hannover zog, ist nicht bekannt. Von hier aus wurde sie am 23. Juli 1942 gemeinsam mit 49 weiteren Altenheimbewohnern nach Theresienstadt deportiert, wo sie auch starb. Vor der Deportation musste Sie ihr letztes Barvermögen in Höhe von 22,50 RM abgeben. Es wurde vom Finanzamt „vereinnahmt“.

Lange Herzogstraße

Quelle: Devisenbewirtschaftung und Auswanderung, u.a. von jüdischen Bürgern.  Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel, 34 N 4, Zg. 55/2004 Nr. 1

Betty Hirsch
geborene Daniel

Lange Herzogstraße 35

geb. 4. März 1903 in Thorn, 1939 Flucht
Holland, überlebt

 

Bei Betty Daniels Verlobung mit Georg Hirsch im Januar 1929 waren viele Angehörige der Wolfenbütteler jüdischen Familien anwesend. Unter den fast dreißig Gästen befinden sich bekannte Wolfenbütteler Juden von Werner Ilberg bis Gustav Eichengrün. Dokumentiert wird das durch ein erhaltenes Gruppenfoto, das wahrscheinlich wie so oft Dr. Siegfried Kirchheimer mit Fernauslöser aufgenommen hat. Das Paar sitzt in der Mitte eines Sofas, drum herum stehen und sitzen auf dem Fußboden davor die Gäste.

 

Eine glückliche Gemeinschaft. Schade, dass wir sie nicht haben kennenlernen können. Auch Betty und Georg Hirsch hielten es in Wolfenbüttel nicht mehr aus. Sie flüchteten mit ihrer fast neun Jahre alten Tochter nach Holland. Die Weiterfahrt in die USA misslang. Sie überlebten die Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht in einem Versteck. Nach der Befreiung wanderten sie in die USA aus. 1950 lebten sie in Philadelphia. Leider ist es nicht gelungen, einen Kontakt zu ihnen herzustellen.

 

Eine „Reminiszenz“ der Entwürdigung: Der beraubte Hermann Daniel wollte seiner Tochter ein Geschenk machen: Am 26. August 1938 bat er die Devisenstelle beim Oberfinanzpräsidenten um eine Ausnahme: Ich möchte gerne meine Tochter, Frau Betti Hirsch, geb. Daniel, die jetzt eine Operation durchgemacht hat, durch ein Geschenk (kein Geldgeschenk) erfreuen und frage Sie hierdurch höfl. an, ob mir dies gestattet ist. Ergebenst ... Die Antwort ist nicht überliefert.

 

Familie
Georg Hirsch
Ellen Senta Hirsch
Hermann Daniel →

Quelle: Devisenbewirtschaftung und Auswanderung, u.a. von jüdischen Bürgern.  Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel, 34 N 4, Zg. 55/2004 Nr. 1

Georg Hirsch

Lange Herzogstraße 35

geb. in Thorn 1901, Flucht 1939
Holland, überlebt

 

Durch den gemeinsamen Herkunftsort Thorn ist anzunehmen, dass die Familien Hirsch und Daniel sich schon vor der Wolfenbütteler Zeit kannten. So ist es dann sicher zu der Verbindung zwischen Betty Daniel und Georg Hirsch gekommen.

 

In Gesprächen über das Schicksal der Juden, die noch rechtzeitig aus Deutschland hatten flüchten können, wird das, was sie vorher und auch nach gelungener Flucht in fremden Ländern erleiden mussten, nur selten ausführlich berücksichtigt.

 

Die Flucht der Familie Georg Hirsch nach Holland erzeugte bei verschiedenen Stellen Aktivitäten, die sich mit dem Kassieren (Berauben) der Vermögen jüdischer Deutscher befassten. Aus der noch verfügbaren Akte wird wieder die Rolle der Finanzämter deutlich, die akribisch darauf achteten, dass den Flüchtlingen möglichst wenig Vermögen blieb. Offenbar hatte die Familie über Hamburg in die USA flüchten wollen und dafür auch schon Vorbereitungen getroffen und entsprechende Gebühren usw. bezahlt. Die Hamburg-Amerika-Linie bescheinigte am 13. Juli 1939, dass Hirsch für sich, seine Frau Betti und Kind Ellen Plätze von Hamburg auf D „Hamburg“ belegt hat. Auf einem Fragebogen beantwortete Hirsch die Frage nach dem Grund der Auswanderung: Da ich in Deutschland als Jude keine Existenzmöglichkeit mehr habe. Welchen Beruf er als Textil-Einzelhändler ausüben wollte, konnte er noch nicht sagen. Wie kleinlich und schlimm die Bedingungen für die Mitnahme von Sachen ins Exil waren, mag durch eine Anfrage Hirschs an den Oberfinanzpräsidenten nachzuvollziehen sein. Er hatte vergessen, auf der Liste des Umzugsgutes Kinderkleidung zu vermerken, die sie selbstverständlich mitnehmen wollten. Der Oberfinanzpräsident informierte am 10. Januar 1939 die Devisenzweigstelle in Braunschweig: ... teile ich mit, daß gegen die Mitnahme der Kinderkleidung, die sich bei der Abfertigung des Umzugsgutes im Kleiderschrank im Kinderzimmer befand, keine Bedenken bestehen. Auf Anweisung der Devisenzweigstelle an das Zollamt Braunschweig wurden am 27. Januar 1939 aus dem Auswandergut des Juden Georg Israel Hirsch folgende Sachen ausgeschlossen: 1 goldene Armbanduhr, 1 goldene Uhrenkette, 1 goldener Armreif, 1 goldene Brosche mit schw. Steinen, 1 (weitere) goldene Armbanduhr, 1 Ehering, 1 goldener Damenring mit mittl. Brilliant und Brilliantsplittern im Gesamtwert von RM 990,00. In der Beschlagnahmeanordnung heißt es weiter: Die Gegenstände werden in das Sperrsafe des H. bei der Deutschen Bank Filiale Braunschweig, Brabandstraße, sichergestellt. Der Oberfinanzpräsident ergänzte am 6. Februar 1939 die Sicherungsanordnung, dass Gegenstände in das Schließfach 1.350 bei der Deutschen Bank Braunschweig bis auf weiteres einzulegen sind: Das Schließfach darf nur mit Genehmigung oder in Gegenwart eines Beamten der Zollfahndungsstelle geöffnet werden.

 

Familie
Betty Hirsch, geb. Daniel
Ellen Senta Hirsch
Hermann Daniel →

Quelle: Devisenbewirtschaftung und Auswanderung, u.a. von jüdischen Bürgern.  Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel, 34 N 4, Zg. 55/2004 Nr. 1

Ellen Senta Hirsch

Lange Herzogstraße 35

geb. 18. Juni 1930 in Wolfenbüttel, Flucht 1939
Holland, überlebt

 

Das junge Mädchen war die Tochter von Betty und Georg Hirsch und Enkelin von Hermann Daniel. Als neun Jahre altes Kind musste sie mit ihren Eltern nach Holland flüchten. Es ist nicht bekannt, ob sie im Alter von sechs Jahren noch in eine Wolfenbütteler Schule eingeschult werden konnte. Wie ist es ihr bis zur Flucht ergangen? Freundinnen oder Spielkameraden kann sie nicht gehabt haben, da ihr Großvater und ihre Eltern als Menschen auch in der Langen Herzogstraße in Wolfenbüttel als Aussätzige galten. Als sie dann nach der Befreiung Hollands von der deutschen mörderischen Besatzung mit ihren Eltern in die USA emigrierte, war sie 15 oder sechzehn Jahre alt. Erst dann begann für sie ein Leben mit fröhlichen sozialen Kontakten und Erlebnissen.

 

Wie eine Frau aus Wolfenbüttel*, die in Holland, als sich die Familie Hirsch dort versteckt halten musste, ein Heim für deutsche Soldaten leitete, das Näherrücken der britischen Armee erlebte und dann selbst flüchten musste, kann man in diesem Buch nachlesen: Sachs, Michael (Hg.), Leid in Liebe wandeln - Die Briefe der Familie Pfaff 1943-1945. Diese Frau Pfaff wird in einem anderen in Wolfenbüttel durch die Stadtheimatpflegerin unterstützten Buch als jüdische Klavierlehrerin bezeichnet, bei der nach der Pogromnacht Hitlerjungen noch Klavierunterricht erhalten haben. Der Titel des Buches: Herbst, Jurgen, Requiem für eine deutsche Vergangenheit, Wolfenbüttel 2015.

 

* Diese Frau, Ella Pfaff, Jahrgang 1898, wird das Kaufhaus Daniel ganz sicher gekannt haben.

 

Familie
Betty Hirsch, geb. Daniel
Georg Hirsch
Hermann Daniel →