Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Neuer Weg

Berthold Kaufmann

Neuer Weg 34 (Adolf-Hitler-Straße bis 1945)

geb. 4. April 1908 in Dortmund, Flucht 1939
USA, überlebt

 

In der Pogromnacht zum 10. November 1938 wurde Berthold Kaufmanns Schwiegervater Julius Pohly in seinem Haus in der Bahnhofstraße abgeholt. Seine Frau reagierte geistesgegenwärtig und rief ihre Tochter Eva an, verheiratet mit Berthold Kaufmann. Sie warnte den Schwiegersohn, der sich daraufhin verstecken konnte und nicht nach Buchenwald gebracht wurde.

 

Eva und Berthold Kaufmann gelang die Flucht in die USA. Am 6. Januar 1939 informierte die Stadtpolizei das Wolfenbütteler Finanzamt, dass der Viehhändler Berthold Kaufmann polizeilich zur Abmeldung gekommen war. Kaufmanns erreichten die USA über Paris im März 1939. Sie wohnten zunächst in Brooklyn, wo Berthold in einer Fabrik arbeitete.

 

Familie
Eva Kaufmann, geb. Pohly
Regina Pohly →
Claire Doblin, geb. Pohly →
Grete Pohly →
Jürgen Pohly →
Julius Pohly →

Quelle: Devisenbewirtschaftung und Auswanderung, u.a. von jüdischen Bürgern.  Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel, 34 N 4, Zg. 55/2004 Nr. 1

Eva Kaufmann
geborene Pohly

Neuer Weg 34 (Adolf-Hitler-Straße bis 1945)

geb. 13. März 1911 in Wolfenbüttel, Flucht 1939
USA, überlebt

 

Eva Kaufmann hat bis 1927 das Schloss-Lyceum besucht. An ihre Schulzeit erinnere sie sich gern. Das Aufkommen der Nationalsozialisten habe ihr ein ständiges Angstgefühl bereitet. 1927 lernte sie in Wolfenbüttel Berthold Kaufmann kennen. Ihre Verlobung im Dezember 1932 wurde standesgemäß in der Lokalzeitung angezeigt. Im Jahr darauf heirateten sie und wohnten bis zu dem Umzug zu Eichengrüns im Pohlyschen Haus an der Bahnhofstraße. Die Auswandererakte der Stadt Wolfenbüttel enthält Antragsunterlagen für die Ausreise in die USA. Frau Kaufmann hatte in großer Voraussicht schon früh sich, ihren Mann und ihre Eltern auf eine Auswanderungsliste für Amerika setzen lassen. Gemeinsam mit Bemühungen ihrer Schwester Claire in der Schweiz, gelang es, für ihre Eltern sowie für sich und ihren Mann ein Visum für die Schweiz bis zur Ausreise in die USA zu erhalten. Kaufmanns erreichten die USA über Paris im März 1939.

 

Familie
Berthold Kaufmann →
Regina Pohly →
Claire Doblin, geb. Pohly →
Grete Pohly →
Jürgen Pohly →
Julius Pohly →

Schützenstraße

Dr. Siegfried Kirchheimer

Schützenstraße 20

geboren 16. Dezember 1891 in Hemelingen, Flucht 1938
USA, überlebt

 

In der Schützenstraße 20 lebte die Familie Kirchheimer: Der Arzt, seine Frau Martha und die Kinder Lore, Alice, Grete und Hans. Siegfried Kirchheimer war ein bekannter und beliebter Doktor. Bekannt war er - auch 2015 noch - als der „Arzt der Auguststadt“. Besonders Familien aus der Arbeiterschaft schätzten ihn und seine soziale Fürsorge. Er behandelte Menschen unabhängig von Herkunft und Gesinnung, ob Bürger oder Arbeiter.

 

Kirchheimer wurde 1891 in der Nähe von Bremen geboren. Er studierte Medizin und nahm wie viele andere Juden am Ersten Weltkrieg teil. Er erhielt mehrere Auszeichnungen. 1919 eröffnete er in der Langen Herzogstraße 14 seine erste Praxis. Wegen seiner Sympathien für eher links orientierte Einwohner geriet er schon früh ins Visier der Nationalsozialisten. Bereits 1932 wurde ihm verboten, für das städtische Fürsorgeamt zu arbeiten. Besonders ihn trafen die antijüdischen Maßnahmen ab 1933 mit aller Härte. Im März 1933 drangen SA-Hilfspolizisten in sein Haus ein und durchsuchten es. Erinnerungsstücke aus seiner Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg wurden beschlagnahmt. Die Nationalsozialisten sahen in ihm nicht nur den Juden, sondern auch den politisch Andersdenkenden. Auch noch, nachdem er nicht mehr praktizieren konnte, glaubte er als kaisertreuer Patriot an ein baldiges Ende der nationalsozialistischen Diktatur. In Amerika lebende Verwandte forderten ihn auf, in die USA zu kommen Schließlich plant er, mit seiner Tochter Lore in die USA zu flüchten. Er verkaufte sein Haus samt Innenausstattung. Am 6. Juli 1938 verließ die Familie Wolfenbüttel, um in Bad Driburg bei den Schwiegereltern auf die Ausreisepapiere zu warten. Im September kehrte das Ehepaar noch einmal nach Wolfenbüttel zurück, um für die Kinder Erinnerungsfotos der Stadt zu machen und sich von Bekannten zu verabschieden. Dabei wurde er vom ehemaligen Schriftleiter der seit Januar 1938 von den Nationalsozialisten geschlossenen Wolfenbütteler Zeitung , Kurt Meyer-Rotermund, beobachtet. Der denunzierte ihn bei der Polizei. Kirchheimer wurde festgenommen und zur Gestapo nach Braunschweig gebracht. Erst am späten Abend kam er wieder frei: War das eine Aufregung! Wir waren dann am nächsten Tag mehr oder weniger fluchtartig aus Wolfenbüttel heimlich von der Neuen Straße aus per Elektrische nach Braunschweig gefahren. Auf der Okerbrücke vor dem alten Bahnhof Braunschweig wurde ich von der Bahnpolizei verhaftet, bei der ich alles von der Gestapo richtig gestellt hatte und man sich bei ihr telefonisch erkundigte, und erst dann ließ man uns laufen ... In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der Pogromnacht, holte man ihn in Bad Driburg um drei Uhr nachts im Hause seiner Schwiegereltern aus dem Bett von meiner weinenden Martha weg, die schon vorher die halbe Nacht geweint hatte, weil ich am anderen Morgen mein Visum für Lore und mich bekommen hatte und nach Amerika fahren wollte oder besser mußte. Und dann wurde ich ins Gefängnis gebracht unter Polizei- und Schäferhundbegleitung. Das „Gefängnis” war nicht einmal eins, ein feuchter Keller mit verrosteten Eisenbetten. Am 11. November ließ man mich als einzigen dann frei von wegen des Visums, aber drohte mir, innerhalb von zwei Stunden den Ort zu verlassen zu haben.

 

Vater und Tochter Lore fuhren nach Hamburg. Als wir wegfuhren, glaubte ich, wir würden einander nie wiedersehen. Es war ganz schrecklich, sie alle zurückzulassen. Den Arztberuf konnte Kirchheimer in New York nicht ausüben, weil sein Examen nicht anerkannt wurde. So verdiente er den Lebensunterhalt bis zu seinem Ruhestand als Altenpfleger im größten Altenheim der Stadt. Zu Wolfenbüttel hielt er bis kurz vor seinem Tod intensive Kontakte. Er schrieb viele Briefe an ehemalige Bekannte und einen jedes Jahr zu Weihnachten an die Wolfenbütteler Zeitung, die ihn auch veröffentlichte. Kirchheimer blieb Wolfenbütteler Bürger, nur dass er in New York lebte. Hier starb er am 21. Januar 1991.

 

Familie
Alice Kirchheimer
Hans Kirchheimer
Grete Leven, geb. Kirchheimer →
Lore Eppy, geb. Kirchheimer →
Martha Kirchheimer

Martha Kirchheimer
geborene Müller

Schützenstraße 20

geb. 30. Dezember 1897 in Bad Driburg, Flucht 1941
USA, überlebt

 

Martha Kirchheimers Schicksal ist natürlich eng verbunden mit dem ihres Mannes. Warum ihr Mann mit Tochter Lore bereits 1938 in die USA flüchtete und Martha Kirchheimer mit den drei anderen Kindern erst 1941 folgte, ist unbekannt. Im Nachhinein muss man sagen, Frau Kirchheimer hatte Glück, dass sie noch kurz vor Schließung der Grenzen Deutschland hatte verlassen können. Am Tag vor der Abfahrt besuchte sie ihren Mann und Tochter Lore noch einmal im Hafen. Auf der „Manhattan“ erreichten sie Amerika. Als es schon fast aussichtslos war, das Land noch zu verlassen, erhielt Martha Kirchheimer im März 1941 die erforderliche Ausreisegenehmigung. Sie musste mit ihren Kindern nach Berlin fahren und dort noch bei Bekannten übernachten: Dann ging es in einem versiegelten Güterwagen über Frankfurt, Saarbrücken, Conflens und Paris an die französisch-spanische Grenze, Hendaye war der letzte Platz, wo noch Nazis standen und wachten. Dann über San Sebastian bis Lissabon, wo zwei Wochen Aufenthalt war. Es gab Mazen für die Juden und Wanzen in den Betten, und am 15. April ging die Fahrt auf dem portugiesischen Frachter „Nyassa” los. Am 25. April war die Familie in Brooklyn wieder vereint. Martha Kirchheimer starb am 2. März 1980 in New York.

 

Familie
Alice Kirchheimer
Hans Kirchheimer
Grete Leven, geb. Kirchheimer →
Lore Eppy, geb. Kirchheimer →
Dr. Siegfried Kirchheimer

Alice Kirchheimer

Schützenstraße 20

geb. 3. Juni 1930 in Wolfenbüttel, Flucht 1941
USA, überlebt

 

Ihr Schicksal ist eng verbunden mit dem ihrer Mutter Martha Kirchheimer und ihres Vaters Dr. Siegfried Kirchheimer.

 

Familie
Hans Kirchheimer
Grete Leven, geb. Kirchheimer →
Lore Eppy, geb. Kirchheimer →
Martha Kirchheimer
Dr. Siegfried Kirchheimer

Hans Kirchheimer

Schützenstraße 20

geb. 12. April 1923 in Wolfenbüttel, Flucht 1941
USA, überlebt

 

Hans Kirchheimer, dessen Schicksal eng mit dem seiner Eltern verbunden ist, besuchte Wolfenbüttel 1992 anlässlich einer besonderen Ehrung für seinen Vater. Die Stadt ehrte den „Arzt der Auguststadt“ mit der Benennung einer Straße mit seinem Namen in der östlich gelegnen Auguststadt. Dabei waren auch seine drei Schwestern. Sie übergaben dem Museum im Schloss Dokumente, Fotos und weitere Dinge aus dem Nachlass ihres Vaters. Das Niedersächsische Staatsarchiv bewahrt Kirchheimers circa 5000 Seiten philosophischer Darstellungen über sein Leben und jüdische und deutsche Themen auf. Sie harren noch einer Bearbeitung.

 

Familie
Alice Kirchheimer
Grete Leven, geb. Kirchheimer →
Lore Eppy, geb. Kirchheimer →
Martha Kirchheimer
Dr. Siegfried Kirchheimer

 

Krumme Straße

Sheppard Kerman

Krumme Straße 28
geb. 08. November 1921 in Chicago, gest. 28. September 1944 in Wolfenbüttel


Sheppard Kerman wurde am 08.11.1921 in Chicago geboren, wo er auch eine Highschool besuchte. Als Kind seiner jüdischen Eltern Simon und Beatrice gehörte er der Anshe Emet Synagoge an.


Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour meldete er sich freiwillig bei der USAF. Es entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie des Schicksals – und hier offenbart sich einmal mehr das Tragische am Beispiel des Einzelnen - , wenn man weiß, dass sein Marschbefehl nach Europa gleich zweimal kurzfristig aufgehoben werden musste, da er sich während seiner Ausbildung sowohl einen Knöchel, als auch eine Schulter brach. In beiden Fällen sind die Maschinen, auf denen er hätte fliegen sollen, während ihres Einsatzes abgeschossen worden. In beiden Fällen hat niemand der betreffenden Besatzungen überlebt.

Zweiundzwanzigjährig, erhielt er im August 1944 im Range eines Sergeants, erneut den Befehl, sich als Bordfunker eines B17 Bombers der 360. Bomber Squadron der 303. Bomber Group auf Feindflüge über Deutschland zu begeben.


Es war der 28. September 1944, als seine Maschine, die sich mit ihrem in England gestarteten Bomberverband auf Kurs Magdeburg befand, wo die dortigen Krupp-Werke bombardiert werden sollten, nahe Salzgitter von einer Gruppe deutscher Jagdflugzeuge angegriffen wurde. Binnen weniger Minuten fielen dieser Attacke mehr als ein Drittel der amerikanischen Bomber zum Opfer.


Bevor Sheppard Kerman sich selbst mit seinem Fallschirm aus dem schwer getroffenen und abstürzenden Bomber retten konnte, hat er späteren Aussagen überlebender Besatzungsmitglieder zufolge noch einem verwundeten Kameraden das Leben gerettet, indem er diesem bei dessen Absprung aus der Maschine geholfen hat. Die restliche Crew des in der Nähe von Ohrum zerschellten Flugzeugs, hat den Abschuss - mit Ausnahme des Piloten – überlebt. Acht von zehn kamen in Kriegsgefangenschaft und erlebten so das Ende des Kriegs unversehrt.

Dass Sheppard Kerman von seinem Schirm bis nach Wolfenbüttel getragen wurde, ist vermutlich seinem selbstlosen Einsatz geschuldet, zuerst seinen Kameraden versorgt zu haben und dadurch bedingt entsprechend spät abgesprungen zu sein.

 

Schon von weitem, so wurde berichtet, konnte man Sheppard Kerman an seinem Fallschirm schwebend am Himmel erkennen bis er schließlich am Giebel dieses Gebäudes hängen blieb. Eine Lage, aus der er sich selbst nicht zu befreien vermochte.


Eine sich am Ort des Geschehens schnell versammelnde Menschenmenge reagierte teils aufgebracht und hysterisch. Wehrmachtsangehörige, die aus dem sich in der Karlstraße befindenden Lazarett hierher eilten, drangen in das Haus ein und zerrten den unbewaffneten amerikanischen Soldaten durch ein Fenster nach innen. Es brauchte nur einen kurzen Augenblick, bis sich jene Szene abspielte, die die auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartenden Wolfenbüttler Bürgerinnen und Bürger zu Augenzeugen eines brutalen Verbrechens werden ließ.


Zeugen wussten später zu berichten, dass man von der Straße aus in das völlig verängstigte Gesicht des mit erhobenen Händen dastehenden Sheppard Kerman blicken konnte, bevor er von einem Unteroffizier einer Fallschirmjägereinheit mit einer Pistole von hinten in den Kopf geschossen und ermordet wurde.


Sein lebloser Körper wurde an den Füßen aus dem zweiten Stock die Treppe heruntergeschleift und auf einen Lastwagen geworfen. Ein auf der Straße anwesender Polizeimeister kommentierte das Geschehen auf seine Weise. Wenn der Amerikaner noch lebe, solle man ihm den Kopf eintreten.


Die Namen des Mörders und seiner Mittäter sind bekannt. Sie sind nach dem Kriege seitens der amerikanischen Militärgerichtsbarkeit ihrer gerechten Strafe zugeführt worden.


Was auch immer diese Menschen dazu bewogen hat, jenes unfassbare Unrecht begangen zu haben und zu skrupellosen Mördern geworden zu sein. Ob das alltäglich gewordene Morden an der Front, ob eine über Jahre geprägte ideologisierte Verblendung bis hin zur Ausrufung des „totalen Kriegs“ oder ob die damit einhergehende Frustration angesichts der Erkenntnis des einst propagierten und nicht mehr zu gewinnenden „Endsiegs“ zu dieser Verrohung führte. Vielleicht ist Sgt. Kerman auch das in seine Erkennungsmarke gestanzte „H“ für Hebräer zum Verhängnis geworden.

Wir wissen es nicht. Auch hierin spiegelt sich ein tragischer Moment dieses Krieges wider.


Wohl aber wissen wir, dass es in unser aller Verantwortung liegt, Geschichte wach zu halten, das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, indem wir an die Verbrechen jener Epoche erinnern und ihrer Opfer gedenken, damit sich eben genau dies alles nicht wiederholen möge.


Wenn wir also heute an diesem Ort für Sheppard Kerman einen Stolperstein setzen, um seinen Namen lebendig zu halten und seiner würdig zu gedenken, dann in dem Bewusstsein, dass auch er ein Opfer jener nationalsozialistisch geprägten brutalen Gewaltherrschaft geworden ist. Nicht zuletzt der Entschlossenheit der alliierten Streitkräfte ist es zu verdanken, dass die menschenverachtende NS-Diktatur zerschlagen werden konnte.


Aber es sind auch die Angehörigen, die zu Opfern geworden sind. Sheppards Eltern traf diese Tragödie mit doppelter Wucht. Bereits einen Tag nach dem Ereignis erhielten sie seitens der Airforce Kenntnis, dass ihr Sohn nach einem Einsatz nicht zurückgekehrt sei und vermisst werde. Einen Monat später dann die Nachricht, Sheppard Kerman wäre nicht mehr am Leben. Posthum wurde ihm die Purple Heart Medaille verliehen.

Im Dezember erhielten seine Eltern einen neuerlichen Brief, es gäbe doch sichere Anzeichen, er hätte den Einsatz überlebt und befände sich als Kriegsgefangener in Deutschland.

Erst die Nachfrage bei den deutschen Behörden ergab später die traurige Gewissheit, dass Sheppard Kerman nie mehr von der Mission 248 zurückkehren werde.


Nachdem man ihn zunächst in Wolfenbüttel beigesetzt hatte, sind seine sterblichen Überreste im Juni 1945 nach Chicago überführt worden, wo er seine letzte Ruhestätte fand.

 

Text: Michael Steffen