Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Goslarsche Straße

Jenny Neuburger

Jenny Neuburger

geborene Grünewald

Goslarsche Straße 45

geb. 1882, deportiert und umgekommen, Schicksal unbekannt


Auch die Wolfenbütteler Familie Neuburger war in Gefahr geraten, vollkommen in Vergessenheit zu geraten. Intensive Nachforschungen erbrachten Belege für diese Familienmitglieder - leider auch nur bruchstückhaft:

• Joseph Neuburger, geb. 18. März 1863, gest. 6. Juli 1925 Wolfenbüttel

• Sara Neuburger, geb. Grünewald, geb. 11. Oktober 1868, gest. 11. Februar 1914 in Wolfenbüttel

• Jenny Neuburger, geb. Grünewald, deportiert und umgekommen

• Ilse Neuburger, geb. 29. Januar 1916 Wolfenbüttel, deportiert und umgekommen

• Ernst Siegfried Neuburger, geb. 24. Dezember 1917 in Braunschweig, gest. 24. Oktober 1917 in Wolfenbüttel

• Karl Neuburger, geb. 18. Juli 1866, gest. 8. Juli 1927 in Wolfenbüttel


Ein besonderer Augenblick war der zufällige Fund eines Fotos im Museum im Schloss. Es zeigt im Hintergrund die Goslarsche Straße mit einer Reihe von Fachwerkhäusern, davor viele festlich gekleidete Personen. Vermutlich handelte es sich um ein besonderes Ereignis auf dem Gelände der früheren Wolfenbütteler Gasanstalt. Das Gaswerk wurde wahrscheinlich Anfang 1890 eröffnet. An einem der Fachwerkhäuser ist das Firmenschild „J.Neuburger. Viehhandlung.“ zu lesen, darüber ein Fenster, aus dem eine Frau die Festlichkeit im Gaswerk beobachtet. Wer diese Frau war, ist nicht zu erkennen.

Im Adressbuch taucht der Name Neuburger erstmalig 1896 auf: Neuburger Josef, Viehhändler, Harzthor, Goslarsche Straße 39. Joseph Neuburger war verheiratet mit Sara Grünewald. Ab 1905 wohnte die Familie in der Goslarschen Straße 45. Sara Grünewald starb 1914. Offenbar heiratete Neuburger nach dem Tod seiner ersten Frau Jenny Grünewald. Möglicherweise waren beide Frauen Schwestern. Am 31. Januar 1916 zeigten Joseph Neuburger und Frau in der Lokalzeitung die glückliche Geburt eines gesunden Mädchens hocherfreut an. Sie hieß Ilse. Der 1917 geborene Sohn Ernst verstarb bereits nach zehn Stunden. Joseph Neuburger starb 1925 und ist neben seiner ersten Frau in einem Doppelgrab auf dem Jüdischen Friedhof in Wolfenbüttel begraben.  Der Kreislandwehrverein geleitete seinen Sarg mit einem ehrenvollen Geleit zur letzten Ruhestätte.1

Die „Judenliste“ des Wolfenbütteler Ordnungsamtes vom 28. Februar 1941 enthält die Namen von Jenny und Ilse Neuburger. Ilse Neuburger war dreiviertel blind. Sie wohnten noch in der Goslarschen Straße 45.  Am 6. November 1939 bat Jenny Neuburger das Finanzamt um Stundung der sogen. Judenabgabe.2 Als Grund gab sie an, sie sei seit 1925 Witwe und leide unter Herzbeschwerden und Nervosität. Ihre 23jährige Tochter könne sich nicht durch Arbeit ernähren. Sie habe bisher vier Raten mit 800 RM bezahlt und damit ihren letzten Spargroschen verloren. Ihre Mieteinnahmen seien so gering, dass nur eine allerbescheidenste Lebensweise möglich sei. Das Finanzamt erlaubte die Stundung bis zum 30. November 1939 und ermäßigte die fünfte Rate auf 400 RM.  Das Schreiben vom 15. November enthält den Hinweis, Ilse Neuburger sei geistig minderwertig. Da sie dennoch nicht bezahlen konnte, ging sie am 20. November zum Finanzamt und teilte mit, sie besitze keine Barmittel mehr. Sie schlug vor, den Betrag als Sicherheitshypothek auf eines der Grundstücke einzutragen. Das Finanzamt ging am 16. April 1940 darauf ein, erhielt aber vom Amtsgericht die Mitteilung, Frau Neuburger sei nicht als Eigentümerin eingetragen. Zum 28. Mai 1940 war sie per Formular zu einem Termin zwischen zehn und zwölf Uhr zum Finanzamt vorgeladen. Das Papier enthält eine Androhung von 10.000 RM oder einen Tag Haft. Es wurde festgestellt, dass das Erbe ihres Mannes unklar ist. Daher sollte sie einen Erbschein beantragen mit dem Ziel, die Grundstücke auf ihren und den Namen ihrer Tochter einzutragen. Am 19. Mai 1942 beantragte das Finanzamt die Umschreibung der Grundstücke auf das Deutsche Reich. In der Aufstellung „Jüdischen Grundbesitzes, das dem Reich verfallen ist“ vom 21. Mai 1942 wird Jenny Neuburger als Besitzerin der Grundstücke Goslarsche Straße 45 und 39 genannt.3 Auch diese Grundstücke wurden im Mai 1944 vorsorglich vermessen und erfasst, um sie aus dem Kriege zurückkehrenden Soldaten anbieten zu können.4 Im Dezember 1942 bewarb sich der Tischler Richard Schneider um den Kauf des Grundstückes Nr. 45. Er betrieb auf dem Grundstück seit  16 Jahren eine Bau- und Möbeltischlerei, gehörte der NSDAP an und war Mitglied der SA und anderer nationalsozialistischer Organisationen. Er hatte den Ersten Weltkrieg von Anfang bis Ende mitgemacht und steht in dem aktuellen Krieg seit April 1942 erneut im „Ost-Einsatz“.5 Ab 15. Oktober 1941 bewohnten Mutter Jenny und Tochter Ilse Neuburger in dem „Judenhaus“ Lange Straße 34 zwei Zimmer. Von hier aus wurden sie offenbar deportiert. 

Nachkommen von Frau Jenny Neuburger, ein Neffe und ein Vetter, bemühten sich 1951 um Wiedergutmachung und Entschädigung. Das Finanzamt Wolfenbüttel, das noch acht Jahre vorher intensiv und ohne Skrupel damit beschäftigt gewesen war, Vermögenswerte jüdischer Wolfenbütteler zu kassieren, legte über eine Verhandlung vor der Wiedergutmachungskammer einen Aktenvermerk an. Die Kammer hatte den wahrscheinlichen Erben von Frau Neuburger hohe Hürden auferlegt. Ihre Berechtigung sollten sie belegen durch :

einen Nachweis der Deportation,
eine Todeserklärung,
einen Erbschein.
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Über den Ausgang des Verfahrens liegen keine Dokumente vor.

Ab Adressbuch 1913 ist ein Viehhändler Karl Neuburger verzeichnet, wohnhaft zunächst in der Johannisstraße 9 und ab 1919 in der Goslarschen Straße 38a. Karl Neuburger, geb. am 18. Juli 1866 starb am achten Juli 1927. Sein Grab liegt auf dem Friedhof in Wolfenbüttel. In der Todesanzeige heißt es: Am Freitag, 8. Juli verschied plötzlich in Braunschweig mein lieber Mann, unser lieber Schwager und Onkel Karl Neuburger. In tiefem Schmerz Erna Neuburger. In welcher Verwandtschaftsbeziehung das Ehepaar zu den anderen Neuburgers stand, ist unbekannt, ebenso das Schicksal von Erna Neuburger.

 


1 Wolfenbütteler Zeitung, 15.7.1925.

2 Den Juden wurde nach dem 9.11.1938 eine Reichsmark-Sühneleistung in Milliardenhöhe auferlegt. Jeder musste eine zwanzigprozentige Abgabe von der zwangsweise erklärten Vermögenssumme bezahlen. Etwas später wurde die Abgabe von 20 auf 25 Prozent erhöht. Frau Neuburger und Tochter besaßen folgendes Vermögen: Grundvermögen: 11520,00 RM, Sonstiges Vermögen: 4037,50 RM (StA Wf, 15 R4, Zg. 13/1987, Nr. 8.)

3 StA Wf, 15 R 4, Zg. 13/1987, Nr. 8.

4 StA Wf, 15 R 4, Zg. 13/1987, Nr. 9.

5 StA Wf, 15 R, Zg. 16/2003, Nr. 114.

6 StA Wf, 15 R 4, Nr. 8.

7 Wolfenbütteler Zeitung, 9.7.1927.

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Ilse Neuburger →

Ilse Neuburger

Goslarsche Straße 45

geb. 29. Januar 1916 in Wolfenbüttel,
deportiert und umgekommen, Schicksal unbekannt


Ilse Neuburger war fast blind. Ihr Vater starb, als sie neun Jahre alt war. Auch über ihr Leben in Wolfenbüttel ist nichts bekannt. Im Oktober 1941 musste sie mit ihrer Mutter in das „Judenhaus“ Lange Straße 34 ziehen. Von hier aus wurden Mutter und Tochter offenbar deportiert. Beide kehrten nicht zurück.

Familie
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