Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Fritz-Fischer-Straße

Alfred Perkampus

Fritz-Fischer-Straße 9


geb.  3. September 1896 in Wolfenbüttel, verhaftet 06. Juli 1933
tot 7. Juli 1933, gefoltert von der NSDAP-Kreisleitung Wolfenbüttel

 

Nach dem Schulbesuch lernte Alfred Perkampus den Beruf des Maurers. Während des Ersten Weltkrieges „diente” er in der Gaskolonne der 8. Armee als Luftschiffer an der Ostfront. Ein Foto in stolzer Paradeuniform schickte er seiner Mutter im September 1915 aus Berlin.

 

Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Maurer. Mehrere Jahre lang schaffte er bei der Bauge-nossenschaft „Eigenhilfe”. Er war aktives Mitglied des Arbeiter-Turn-Vereins Vorwärts. 1924 heiratete er in Warle Elise Jasper. Im Juni 1925 kam ihr Sohn Alfred zur Welt. Perkampus war Mitglied im Deutschen Baugewerksbund, trat der KPD bei und wurde mit dem Amt des Hauptkassierers beauftragt. Als Angehöriger des Roten Frontkämpferbundes beteiligte er sich am Schutz von Veranstaltungen der KPD gegen Übergriffe der Nazis. Bereits Anfang Februar 1933 wurde er das erste Mal verhaftet und blieb im Gefängnis Wolfenbüttel bis zum 7. Mai. Möglicherweise steht diese Haft im Zusammenhang mit einem Aufruf der KPD zum Generalstreik. In Wolfenbüttel verteilten die Kommunisten am Tag nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ein Flugblatt mit diesem Wortlaut:

 

An die Arbeiterschaft Wolfenbüttels: Kollegen, Klassengenossen! Die politische Lage in Deutschland hat Formen angenommen, die Parole Abwarten oder kleineres Übel, hat uns mit eindringlicher Wucht bewiesen, wohin wir gekommen sind. Kollegen, Genossen, Erwerbslose, die Parole heißt heute nicht mehr Abwarten, sondern handeln. Generalstreik zum Sturz dieser Regierung muß unsere Antwort sein. Heute Abend sieben Uhr große Massenkundgebung auf dem Schloßplatz. Massen heraus. Es lebe die Einheitsfront aller Arbeiter. KPD, gez. Rönnicke, Wallstraße 1.

 

Kreisdirektor Hinkel verbot die Kundgebung und schickte das Flugblatt der Staatsanwaltschaft zur strafrechtlichen Verfolgung. Die Lokalzeitung berichtete am nächsten Tag, als die Kommunisten nach ihrer Werbung auf dem Schloßplatz eintrafen, sei der bereits von Polizei besetzt gewesen: „Die Demonstration wurde nach der Auguststadt zu abgedrückt, während die übrigen auf die Aufforderung der Beamten hin ebenfalls den Platz verließen. Natürlich hatte die Ansage der Gegendemonstration auch sehr viele Neugierige auf die Beine gebracht und noch lange wimmelte es in der verhältnismäßig stillen Straße der Auguststadt wie in einem Ameisenhaufen. Überall standen Gruppen und diskutierten über das Verbot dieser Kundgebung. Der Aufforderung der Beamten, in Bewegung zu bleiben, wurde überall entsprochen, sodaß es nirgends zu Ausschreitungen kam. Hier und da bildeten sich kleinere Sprechchöre, die ihr „Nieder mit Hitler” hören ließen. Sie verstummten aber bald, wenn die Beamten nahten.”

 

In der Nacht vom 6. zum 7. Juli 1933 überfielen Nationalsozialisten die Wohnungen von 15 Kommunisten in der Auguststadt und verschleppten sie in das Büro der NSDAP-Kreisleitung in der Mühlenstraße. Frau Perkampus beschrieb später den Überfall: „Gegen 24 Uhr erschienen mehrere SS-Leute, darunter Karl Salmanski, traten die Küchentür ein und stürmten unter Schimpfen und Drohungen gleich ins Schlafzimmer. Salmanski prügelte sofort auf meinen Mann ein, fasste ihn ins Genick und warf ihn die Treppe hinunter. Auf meine Einwendung, daß sich mein Mann erst die Hose anziehen müsse, antwortete er: Die Hose behalten sie man gleich hier, denn die reißen wir ihm doch wieder runter.”

 

Gemeinsam mit anderen Männern wurden sie in die NSDAP-Kreisstelle in der Mühlenstraße gebracht. Frau Perkampus folgte dem Trupp bis zum Stadtmarkt. Salmanski beschimpfte sie: „Du Kommunistensau, geh man nach Hause, dein Mann geht jetzt schwimmen.” In der Kreisleitung wurde Alfred Perkampus ebenso wie die anderen Gefangenen viehisch geprügelt und gefoltert. Er starb noch vor dem Transport in das KZ in der Braunschweiger AOK am nächsten Morgen.

Auf dem Friedhof in der Lindener Straße befindet sich die Gedenkstätte für die in dieser Nacht ermordeten und gefolterten Männer.

siehe auch
Fritz Fischer →



 

 

Neuer Weg

Janina Piotrowska

Neuer Weg 29, an der Kreuzung zur Salzdahlumer Straße

 

geb. 10. Oktober 1925 in Grochow (Polen), Zwangsarbeiterin, verschleppt 1940
verurteilt 7. Februar 1944, „Volksschädling“
hingerichtet 07. Januar 1944, Strafgefängnis

 

Für die am 7. Januar 1944 vom Sondergericht Braunschweig als „Volksschädling" zum Tode verurteilte und am 7. Februar 1944 in Wolfenbüttel hingerichtete Janina Piotrowska ist am 26. März 2013 vor dem Grundstück der ehemaligen Gärtnerei Oppermann Neuer Weg 29 (jetzt Gelände des Supermarktes) in Wolfenbüttel ein „Stolperstein" gelegt worden.

 

Was hatte Janina verbrochen?

 

Janina Piotrowska war im Alter von 14 Jahren im April 1940 aus ihrem kleinen Heimatort in Polen als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt worden. Im April 1940 wurde sie als Hausgehilfin bei der Wolfenbütteler Gärtnerei Oppermann untergebracht. In der Landwirtschaft beschäftigte Zwangsarbeiter erhielten am Sonntag Urlaub. Weil sie nach einem Sonntagsausflug zu einer Freundin in Braunschweig wegen schlechten Wetters und wegen der schlechten Verkehrsverbindungen erst am Montagmittag nach Wolfenbüttel zurückgekehrt war, verhängte die Polizei gegen sie eine Geldstrafe von 15,00 Reichsmark. Aus Verärgerung darüber und wegen der Drohung der Frau Oppermann, Janina würde wohl in ein Erziehungslager eingewiesen, zündete das Mädchen in einer Kurzschlusshandlung etwas herunterhängendes Stroh in einer Scheune der Gärtnerei an. Der Dachstuhl brannte aus. Über die Folgen entsetzt, half Janina sofort bei der Rettung des in der Scheune untergebrachten Pferdes und der übrigen Tiere. Dieser Versuch einer Wiedergutmachung des Schadens und ihre mangelnde Klarheit über die Folgen ihrer Handlungsweise schützten sie nicht vor dem Vorwurf, mit ihrer Tat „die Widerstandskraft des deutschen Volkes geschädigt zu haben".

 

Von der Regelung, wonach Jugendliche der Volksschädlingsverordnung nur in Ausnahmefällen unterlagen, waren Polen ausgenommen. Für sie galt nämlich zusätzlich die rigorose Polenstrafrechtsverordnung mit ihren besonders scharfen Vorschriften. Mit der Wahl der Todesstrafe gingen die Richter des Sondergerichts aber sogar über das Maß dieses rassistischen Unrechtsgesetzes weit hinaus. Wie sehr die Richter sich selbst von rassistischen Vorurteilen leiten ließen, offenbart schon der erste Satz des Urteils: „Die Angeklagte, die zum polnischen Volkstum gehört, ...." Die menschenverachtende Geringschätzung von Polen und anderen Osteuropäern zeigt sich auch am Schluss des Urteils. In ihrer bürokratischen Pedanterie begründen die Richter, warum sie von der gesetzlich sonst vorgeschriebenen Aberkennung der „bürgerlichen Ehrenrechte" absahen: Nach nationalsozialistischer Doktrin hatten Juden und andere „Fremdvölkische" weder eine Ehre noch ein schützenswertes Ehrgefühl. Sie galten als minderwertig, Menschen dritter Klasse.

Text: Dr. Helmut Kramer

 

 

Halchtersche Straße

Alfred Pohly

Halchtersche Straße 4 (früher Nr. 2)

geb. 30. Juli 1880, deportiert 1942
Schicksal unbekannt, Todeserklärung 08. Mai 1945

Eine persönlich gehaltene Vorstellung von Alfred Pohly am Tag der Verlegung (25.10.2014) von drei Stolpersteinen vor dem früheren Wohnhaus der Familie durch die Schüler des Gymnasiums im Schloss, Nathalie Werner, Marten Reihers und Henrik Deike.

In diesem Haus habe ich mit meiner Frau Frieda und meiner Tochter aus erster Ehe, Ilse, gelebt. Hier haben wir uns nach dem ersten Weltkrieg ein Leben aufgebaut, wir haben es geliebt. Hier habe ich lange Zeit einen Viehhandel betrieben und vergeblich versucht, den Traum einer eigenen Tankstelle zu erfüllen. 1937 wurde mir der Betrieb meines Viehhandels verboten, mit der Begründung, ich hätte Steuern hinterzogen. Tatsächlich hatte meine Heimatstadt Interesse an meinen Stallungen und verhandelte über meinen Kopf hinweg mit dem Finanzamt über den Erwerb.

 

Was sollte ich denn jetzt machen?! Das sei natürlich nur im „Interesse der Volksernährung“. Von dem Geld habe ich nie etwas gesehen! Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, haben uns die Nationalsozialisten auch noch aus unserem Haus geworfen und wir mussten in das „Judenhaus“ in der Karrenführerstraße ziehen und dort auch noch Miete zahlen! Und vorher mussten wir unsere Habseligkeiten auflisten und vieles abgeben. Den Ofen habe ich mitgenommen; der musste aber wieder abtransportiert werden. Selbst dafür musste ich bezahlen. Nur gut, dass meine geliebte Tochter das nicht miterleben musste. Ein Jahr später wurde ich wie aus dem Nichts abgeholt und fand mich mit vielen anderen Juden zusammen in einem Ort wieder, von dem ich nie gedacht hätte, dass es einen so unmenschlichen Ort gibt.

Ich wurde enteignet, gedemütigt, verschleppt und ermordet. Und mein einziges Verbrechen war es, ein Jude zu sein.

 

Familie
Frieda Pohly, geb. Israelsohn
Ilse Pohly, geb. Meyer

Frieda Pohly
geborene Israelsohn

Halchtersche Straße 4 (früher Nr. 2)

geb. 15. Juli 1896 in Föhrden, deportiert 1942
Schicksal unbekannt

Eine persönlich gehaltene Vorstellung von Frieda Pohly am Tag der Verlegung (25.10.2014) von drei Stolpersteinen vor dem früheren Wohnhaus der Familie durch die Schüler des Gymnasiums im Schloss, Lea Koch und Lena Ewert.

 

Tagebucheintrag vom 15.10.1941 in Wolfenbüttel:


Liebes Tagebuch,
Es ist so grausam, alles habe ich verloren. Heute haben sie uns nun auch unser geliebtes Zuhause genommen. Wir wurden in das „Judenhaus“, Karrenführerstraße 5, verschleppt. Damit hat unsere Freiheit endgültig ein Ende. Hier sitzen wir nun in einem kahlen, kalten Raum, wo wir nicht einmal die ganze Küche nutzen können. Viele geliebte Dinge mussten wir zurücklassen. Was wird die Zukunft bringen? Ich weiß es nicht, doch ich hoffe, dass der Krieg bald vorbei ist und wir irgendwann in unser geliebtes Heim zurückkehren können. Der einzige Trost, der mir noch bleibt, ist die Liebe zu meinem Mann und dass wir beide noch zusammen sind.

 

Tagebucheintrag vom 18.03.1942 in Wolfenbüttel:


Liebes Tagebuch,
Heute wurden mir auch die letzten Erinnerungen an mein früheres Leben genommen, denn ich wurde gezwungen meinen Schmuck abzugeben. Darunter waren auch ein schöner Ring, das Amulett meiner Mutter und noch viele andere Erbstücke. Für mich waren diese Dinge von unschätzbarem Wert, doch ich habe nur eine einzige Reichsmark dafür bekommen. Unser Leben wird von Tag zu Tag schrecklicher, ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte. Hoffentlich geht es wenigstens meiner Tochter Ilse gut, sie liegt mir schließlich am Herzen, auch wenn sie nicht mein leibliches Kind ist.

Frieda Pohly wurde 1942 nach Polen deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Wie viele andere wurde sie nach Kriegsende für tot erklärt: 8. Mai 1945

Familie
Alfred Pohly
Ilse Pohly, geb. Meyer

Ilse Pohly
verheiratete Meyer

Halchtersche Straße 4 (früher Nr. 2)

geb. 06. Juli 1915 in Wolfenbüttel, Flucht 1939
England, Australien

 

 

Eine persönlich gehaltene Vorstellung von Ilse Pohly am Tag der Verlegung (25.10.2014) von drei Stolpersteinen vor dem früheren Wohnhaus der Familie durch die Schüler des Gymnasiums im Schloss, Madleen Franke, Greta und Anna Schneider.

 

Ein fiktiver Brief:

Liebe Eltern,
aus ständiger Sorge um Euch geht es mir hier in Australien nicht gut, ich hoffe, dass Eure Ausreise bald möglich ist, so Gott will, und wir bald wieder zusammen sein können. Ich hoffe, dieser Brief erreicht Euch recht bald. Ich habe lange nichts mehr von Euch gehört und Dein letzter Brief, Vati, war voller Sorge um den Verbleib unseres Hauses, das ich als Kind so sehr geliebt habe. Gerne hab ich auf dem Hof mit meinen Schulfreundinnen Lore und Ruth aus der Schule gespielt. Gerne denke ich an die angenehme Zeit auf der Schlossschule zurück, doch wie ich hörte, wurde die Behandlung jüdischer Schüler in Wolfenbüttel mit der Zeit unmenschlicher. Doch Gott sei dank konnte ich nach meiner Ausbildung zur Kindergärtnerin in Braunschweig in Hannover arbeiten und 1939 zunächst nach England flüchten. Ziemlich bald bin ich von dort nach Australien ausgewandert. Und trotz Einsamkeit kam ich zu dem Schluss, dass mein Leben hier in Australien besser sein mag als jenes, welches ich in Wolfenbüttel geführt hätte. Doch trotzdem fehlt Ihr mir jeden Tag, besonders jetzt, wo es auf Hanukkah zu geht, denke ich an unsere vergangenen Feste.

 

Könnte ich Euch doch wieder in meine Arme schließen, was würde ich dafür geben. Vor allem dich, Vater! So wenig Zeit hatten wir gemeinsam. Deine Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg und mein anfänglich fehlendes Vertrauen standen uns im Wege. Doch Du musst verstehen, ich war noch ein Kind, lebte fünf Jahre ohne dich, und hatte Angst vor dir als fremder Vater. Ich hoffe so sehr, es findet sich eine Zeit in der wir gemeinsam noch einmal beisammen sitzen können.

In Liebe,
Eure Tochter Ilse

Famile
Alfred Pohly
Frieda Pohly, geb. Israelsohn

Bahnhofstraße

Max Pohly

Bahnhofstraße 3

geb. 20. August 1878 in Seesen, deportiert 1943
Warschau, Schicksal unbekannt

 

Max Pohly war von Beruf Kunstgärtner und betrieb zunächst in der Kommissstraße 4 einen Fachhandel für Gartenbedarf. Zur Unterscheidung zu den anderen Pohlys trug das kinderlos gebliebene Ehepaar den Spitznamen „Blumen-Pohly“. 1930 erwarben sie das Grundstück Bahnhofstraße 3 und eröffneten hier in einer Etage ihr Geschäft. Eine Wolfenbütteler Zeitzeugin erinnerte sich an Max Pohly, der auch „Mäxchen“ genannt wurde. Er sei ein bescheidener Mann gewesen, freundlich, fast überfreundlich und hilfsbereit. Hans Harald Schirmer (Jahrgang 1923), dessen Mutter ab 1929 bei Pohlys als Putzfrau arbeitete, holte sie oft vom Arbeitsplatz ab und lernte so das Ehepaar Pohly kennen. In seinen „Erinnerungen“ berichtet er: Pohly war ein älterer, bedächtiger, gebückt gehender Mann. Wenn er auf mein Klingeln öffnete und meine Mutter noch nicht bereit war, lud er mich in sein Büro ein. Es war voll gestopft mit mir unbekannten Dingen. Er hatte von meiner Mutter erfahren, dass ich Briefmarken sammelte, deshalb zeigte er mir stolz seine grosse und kostbare Sammlung. Alte Marken von Preußen, Bayern und Sachsen, aus Übersee und den Kolonien, bunte und vielfältige Sondermarken, penibel eingeordnet. Ich war beeindruckt, und weil ich Interesse zeigte, schenkte er mir zehn, zwanzig Marken und wünschte mir viel Freude mit dem Sammeln.
Die Eheleute wollten Deutschland verlassen, was misslang. Im Februar 1939 mussten sie das Grundstück an den Zahnarzt Dr. Bartels verkaufen. Da der Oberfinanzpräsident diesen Verkauf nicht genehmigte, übernahm der Kreisgemeindeverband Wolfenbüttel das Grundstück im April 1939 für den Kaufpreis von 28.000 RM. Die Kaufsumme erhielt allerdings nicht Max Pohly, sondern sie wurde auf ein Sperrkonto bei der Deutschen Bank, Zweigstelle Wolfenbüttel, eingezahlt. In einer Sicherungsanordnung nach § 59 des Devisengesetzes ordnete der Oberfinanzpräsident in Hannover weiterhin an: Dem Ehepaar Pohly wird untersagt, ohne meine Genehmigung über ihr inländisches oder ausländisches Vermögen zu verfügen oder durch Dritte verfügen zu lassen. Ausgenommen waren Erträgnisse des Vermögens und vorhandenes Bargeld im Hause. Zuwiderhandlungen waren mit Gefängnis oder in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bis zu 10 Jahre sowie mit Geldstrafe bis zur zehnfachen Höhe der der Devisenbewirtschaftung entzogenen Werte zu bestrafen.
Ab 15. Oktober 1941 musste das Ehepaar Pohly im sogenannten „Judenhaus“ Karrenführerstraße 5 in zwei Zimmern hausen. In der Akte mit der Vermögenserklärung seiner Frau befindet sich auch eine Liste mit Haushaltsgegenständen, darunter auch fünf Handtüchern, die das Finanzamt Wolfenbüttel am 8. August 1942 übernahm. Die Papiere dokumentieren auch die letzte Tätigkeit von Max Pohly. Als Berufsbezeichnung ist „Kunstgärtner“ angegeben und als Tätigkeit: Friedhofsgärtner (jüd. Gemeinde Wolfenbüttel), ohne Gehalt, ehrenamtlich. Das Ehepaar ist offenbar in das Warschauer Ghetto deportiert worden und wahrscheinlich in einem KZ umgekommen. Das Amtsgericht Wolfenbüttel stellte im April 1948 fest: Der Kaufmann Max Pohly und seine Ehefrau Regina werden für tot erklärt. Als Todestag wird der 8.5.1945 festgestellt. Max und Regina Pohly betrieben ein Fachgeschäft für Sämereien und Gartenbedarf. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Auch sie wollten Deutschland verlassen.

Warum das nicht klappte, habe ich nicht herausgefunden. Im Februar 1939 mussten sie Ihr Haus verkaufen. Der Kreisgemeindeverband Wolfenbüttel – also der Landkreis Wolfenbüttel – gegenüber – übernahm das Haus für einen Kaufpreis von RM 28tausend. Das Geld erhielten allerdings nicht die Pohlys, es wurde ihnen geraubt – oder wie man damals sagt: Das Geld kam auf ein Sperrkonto bei der Deutschen Bank – dort hinten in der Kommißstraße.

 

Das Ehepaar musste schließlich ihr Haus verlassen – und ist wahrscheinlich im Januar 1940 zunächst in das Haus der Familie Pohly in der Leibnizstraße umgezogen. Ab Oktober wohnten sie im sogenannten „Judenhaus“ Karrenführerstraße 5 in zwei Zimmern. Ihr gesamtes Vermögen wurde ihnen geraubt und vom Wolfenbütteler Finanzamt verwaltet.

 

Das Ehepaar ist wahrscheinlich am 13. März 1942 in das Warschauer Ghetto deportiert worden. Dieser Abtransport von Juden in die Todeslager in Polen wurde mit Worten aus der NS-Sprache kaschiert: abgeschoben, in den Osten ausgewandert, abgemeldet nach unbekannt und anderen.

 

Familie
Regina Pohly
Claire Doblin, geb. Pohly →
Grete Pohly, geb. Esberg
Jürgen Pohly
Julius Pohly

Regina Pohly
geborene Leopold

Bahnhofstraße 3

geb. 20. Januar 1878 in Fürth

 

Über Regina Pohly berichtete Harald Schirmer, dessen Mutter bei Max und Regina Pohly als Putzfrau arbeitete, in seinen Erinnerungen auch unfreundliche Erfahrungen: Frau Pohly war jünger, rundlich, dunkelhaarig, sehr lebhaft und, so erlebte ich sie oft, herrsch- und streitsüchtig. Sie war, wie mein Vater oft sagte, boshaft, denn meine Mutter wurde oft gedemütigt, wenn ihr die „Pohlysche“ ekelhafte dreckige Arbeit auftrug. Er meinte, „sie beutet dich aus, wehre dich“. So hatte er angeblich mit ihr auch Streit, weil sie zu billige „Marken zum Kleben“, also Marken für die Invalidenversicherung, kaufte. Meine Mutter musste sich daher zusätzlich freiwillig selbst versichern. Ich bekam die Bösartigkeit der Frau auch zu spüren, wenn ich verabredet nach Schulschluss Mutter abholen oder ihr helfen wollte. Ich hatte den Eindruck, dass die Frau Pohly, obwohl die vereinbarte Arbeitszeit überschritten war, ihr dann noch etwas als „dringend und sofort“ zu tun gab. So musste ich vor der Tür oder in der Küche warten. Frau Pohly wurde zornig, wenn ich klingelte. Durch die angelehnte Tür konnte ich hören, wie sie zu ihrem Mann sagte „dieser Goi hält die Luise wieder von der Arbeit ab“. Sie liess es auch mich direkt fühlen, wenn sie öffnete, mich sah, sich umdrehte, weg ging und dabei vor sich hin sagte, „was will dieser Goi schon wieder“. (...) Herrn Pohly schätzte ich als wohlwollenden, freundlichen Mann, Frau Pohly als böse gehässige Frau ein. (...) Dass die Pohlys auch einer besonderen Klasse angehörten, entnahm ich Berichten meiner Mutter und bissigen Anmerkungen meines Vaters. Es ging dabei um ihre Arbeiten im Haushalt oder um das Kaffeekränzchen der Frau Pohly, was und wie es dort ablief, mit den vornehmen und arroganten „Damen aus der besseren Gesellschaft“, aus begüterten jüdischen Familien. Ich gewann den Eindruck, dass meine Mutter oft gekränkt schien, weil sie sich als Dienstmagd missachtet und herablassend behandelt fühlte.

 

Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie in das Warschauer Ghetto deportiert. Auch sie kehrte nicht zurück.

 

Leider wurde das Ehepaar Pohly in einem in den USA erschienenen und 2015 in deutscher Übersetzung herausgegeben Buch eines ehemaligen Wolfenbütteler Jungvolkführers für dessen Versuche, sich selbst zu entnazifizieren, in besonders schlimmer Weise missbraucht.

 

Das Buch:

 

Herbst, Jurgen, Requiem für eine deutsche Vergangenheit - ein Jugend im Nationalsozialismus, Wolfenbüttel 2015.

 

Das Buch enthält auch weitere Missbräuche von Juden für seine Zwecke und viele Falschdarstellungen. Eigentlich sollte für das Buch nicht geworben werden, da es aber ein Angriff auf die für die einstigen jüdischen Wolfenbütteler entwickelte Erinnerungskultur ist, sollte man es lesen - und dann daraus aktive Schlüsse ziehen.

 

Familie
Max Pohly
Claire Doblin, geb. Pohly →
Grete Pohly, geb. Esberg
Jürgen Pohly
Julius Pohly

Grete Pohly
geborene Esberg

Bahnhofstraße 10

geboren 25. Februar 1880 in Duderstadt, Flucht 1940
USA, überlebt

 

Grete Pohly gelang mit ihrem Ehemann Julius die Flucht in die Schweiz. Von dort aus konnten sie über Frankreich 1940 in die USA auswandern.

 

Familie
Max Pohly
Regina Pohly
Claire Doblin, geb. Pohly →
Jürgen Pohly
Julius Pohly

Jürgen Pohly

Bahnhofstraße 10

geb. 24. Juli 1916 in Wolfenbüttel, Flucht 1940
USA, überlebt

 

Jürgen Pohly beschrieb 2002 in einem Brief aus Washington DC nach Wolfenbüttel sein Leben: Ich bin am 24. Juli 1916 geboren, in dem schönen großen Haus an der Oker, Bahnhofstraße 4, umbenannt Bahnhofstraße 10. Das Schwimmen habe ich beim Bademeister Hermann Nolte (Badeanstalt an der Oker am Wall) gelernt. In Wolfenbüttel war ich im Reiterclub mit vielen netten Leuten, zum Beispiel Keune von der Konservenfabrik. Ich habe auch Tennis im Tennisclub am Wall gespielt und Fußball in der Oberrealschule. Fußball spielte ich nicht sehr gut. Im Skilaufen war ich besser. (hervorragende Leitung im Harzer Skiverband durch Herrn Karl Michel bei Eintracht Braunschweig) Dieser Club hatte eine Hütte in Oderbrück, in der Nähe vom Torfhaus. Dort haben wir in den Ferien schwer trainiert. Jedes Wochenende sind wir vom Bahnhof Bad Harzburg zu Fuß mit schwerem Rucksack nach Oderbrück gelaufen. Ich war im Langlauf erfolgreich und in den Auswahlrennen für die Olympiade 1936 in Garmisch, das ging aber nicht für mich.

 

1936 habe ich an der Wolfenbütteler Oberrealschule Abitur gemacht, dann 2 Jahre an der Universität in Genf studiert und 2 Jahre an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Danach in die USA (1940), wo ich weiter an der University of Wisconsin (Madison) 1941 den Master Science Degree bekommen habe. Danach war ich Assistent an der Montana State University. Im November 1942 kam ich in die US Army, habe die Examen für die Berufsarmee bestanden, war bei den Skitruppen (10th Mountain Div.), in der 82nd Airborne Division und im US-Verteidigungsministerium. Danach 20 Jahre bei der NASA.

 

Familie
Max Pohly
Regina Pohly
Claire Doblin, geb. Pohly →
Grete Pohly, geb. Esberg
Julius Pohly

Julius Pohly

Bahnhofstraße 10

geb. 1. November 1881 in Göttingen, „Schutzhaft“ 1938, Buchenwald
Flucht 1940, USA, überlebt

 

Da es in Wolfenbüttel mehrere Familien Pohly gab, die teilweise gar nicht verwandt miteinander waren, unterschied man diese gleichnamigen Familien mit Beinamen. Julius Pohly erhielt den Beinamen „Millionen-Pohly“, was darauf hinwies, dass er ein erfolgreicher Unternehmer in der Viehbranche war. Der Versuch, seinen Betrieb mit dem Bau einer Tankstelle an dieser Hauptstraße von Braunschweig in den Harz auf die Zukunft umzustellen, misslang 1934. Er bekam keine Genehmigung.

 

Julius Pohly gehörte zu denen, die in der Pogromnacht nach Buchenwald gebracht wurden. Nach 17 Tagen kehrte er wieder zurück, da er seine bevorstehende Ausreise belegen konnte. Seine Tochter Claire, die bereits in der Schweiz lebte, gelang es, Einreisepapiere zu bekommen. Zu dem Aufenthalt ihres Vaters in Buchenwald schrieb sie: Die KZ-Erlebnisse meines Vaters belasteten ihn für den Rest seines Lebens. Er hat darüber nur selten gesprochen.

 

Über die Zeit bis zur Abreise aus der Schweiz in die USA schrieb sie: Unsere finanzielle Situation war schrecklich. Die Emigranten durften aus Deutschland nur 10 Reichsmark mitnehmen. Wir lebten hauptsächlich vom Verkauf der Juwelen meiner Mutter, die ich schon frühzeitig in der Schweiz versteckt hatte. Ein Juwelen-Paket verloren wir durch eine Frau, der wir es mit dem Auftrag anvertraut hatten, es in die Schweiz zu schmuggeln. Den Rest hatten die Nazis beschlagnahmt. Wir hatten noch kleine Ersparnisse aus den Stipendien, die Jürgen und ich in der Schweiz erhalten hatten. Ich hatte einen Sommer-Job als Betreuerin für ein älteres jüdisches Ehepaar, das aus Wien geflüchtet war. Wir lebten zwar ein karges Leben, wichtiger war, dass unsere Flucht gelungen war. Wenn doch bloß auch die anderen es geschafft hätten.

 

Familie
Max Pohly
Regina Pohly
Claire Doblin, geb. Pohly →
Grete Pohly
Jürgen Pohly

Kommissstraße

Else Pohly

geborene Sommer

Kommissstraße 2/3

geb. 26. Juni 1882, Flucht 1939, Chile

Else Pohly war die Ehefrau von Julius Pohly. Über ihr Leben als Ehefrau des jüdischen Unternehmers ist nichts bekannt. Sie folgte ihrem Mann mit beider Tochter Hedwig im März 1939 nach Chile. Ende der 1960er Jahre kehrten beide Frauen nach Deutschland zurück und wohnten in Hamburg. Was dann aus ihnen dann geworden ist, ist ebenfalls noch unbekannt.

 

Familie
Julius Pohly →
Hedwig Pohly →

Hedwig Pohly

Kommissstraße 2/3

geb. 3. Dezember 1920, Flucht 1939, Chile

Auch Hedwig Pohly gehört zu den jüdischen Wolfenbüttelern, über die bisher nicht mehr als ihr Name bekannt ist - vielleicht noch das Geburtsdatum. Es gibt viele Gruppenfotos mit Mitgliedern jüdischer Wolfenbütteler Familien mit Personen, deren Namen nicht bekannt sind. Vielleicht ist sie oder sind ihre Eltern darunter. Es ist unbekannt.
Einfache Fragen, die für die allermeisten Menschen ganz einfach zu beantworten sind, können zum Leben von Hedwig Pohly bisher nicht beantwortet werden:
Wo ist sie geboren?
Welche Schulen hat sie besucht?
Wer waren ihre Freundinnen?
Welchen Beruf hatte sie?

Bekannt ist noch, dass sie im März 1939 im Alter von 28 Jahren mit ihren Eltern nach Chile flüchtete. Warum sie gemeinsam mit ihrer Mutter in den 1960er Jahren nach Deutschland zurückkehrte und (angeblich) in Hamburg lebte, bleibt verborgen. Vielleicht findet sich noch jemand, der versuchen wird, das Leben dieser fast vergessenen Familie in die Erinnerung zurückzuholen.

 

Familie
Julius Pohly →
Else Pohly →

Julius Pohly

Kommissstraße 2/3

geb. 1. November 1881, Flucht 1939, Chile
gestorben 7. Mai 1947 in Santiago de Chile

Die Pohlys in Wolfenbüttel waren eine weit verzweigte Familie und wohnten an verschiedenen Stellen der Stadt. In der Familie, die auch in anderen Orten ansässig war, gab es sage und schreibe 12 Männer mit dem Namen Julius Pohly.

Vor vier Häusern, in denen Pohlys wohnten, liegen bereits Stolpersteine. Es war schwierig, über die einzelnen Familien ausreichende Informationen zu erhalten. Kontakte zu Nachkommen bestehen leider nicht. Daher kann über das Leben der Familie Julius und Else Pohly nicht sehr viel berichtet werden. Die Spurensuche erbrachte unter anderem zwei Anzeigen im Wolfenbütteler Kreisblatt und nur wenige Hinweise aus einer Akte im Staatsarchiv Wolfenbüttel zur Flucht der Familie. Eine Anzeige vom 8. Mai 1919 dokumentiert die ganz normale Existenz zweier junger Menschen, die sich verlobten. Die andere vom März 1918 bezeugt, dass der (jüdische) Viehhändler Julius Pohly unter seinen Kollegen — eben auch der christlichen — großes Ansehen genoss.

Julius Pohly betrieb gemeinsam mit seinem Bruder Max aus der Leibnizstraße die Viehhandelsfirma Moritz Pohly und Söhne, deren Betriebsstätten in der Goslarschen Straße 55 lagen. Dass die Firma in der Region einen guten Namen hatte, kann der Anzeige des Hannoverschen Viehhandels-Verbands aus dem Wolfenbütteler Kreisblatt vom März 1916 entnommen werden. Die Viehhändler-Vereine im Landkreis Wolfenbüttel hatten Julius Pohly zu einem ihrer Vertrauensmänner gewählt.

Die Firma handelte mit Mast-, Zucht- und Schlachtvieh. Das Einkommen aus der Firma soll bis 1935 jährlich je Teilhaber über 10.000 RM betragen haben und ab 1936 infolge des Boykotts jüdischer Geschäftsinhaber sehr zurückgegangen sein.  Das Betriebsgelände in der Goslarschen Straße pachtete ab November 1938 die Firma Haasemann und Lorenz. Dieses Grundstück wurde den Pohlys im Laufe der weiteren Entwicklungen geraubt.

Auch Julius Pohly erlitte nach der Pogromnacht 1938 den Transport in das KZ Buchenwald. Am 17. Dezember 1938 durfte er nach Hause zurückkehren. Er bereitete die Flucht seiner Familie nach Chile vor. Im Februar 1939 bat er die Devisenstelle des Finanzamtes in Braunschweig, die ihm sein Vermögen „entzogen“ hatte und es „verwaltete“, um eine Genehmigung zum Kauf eines Kühlschranks und um die Erlaubnis zur Mitnahme einer elektrischen Plätte-Mangel. Er begründete den Kühlschrank mit dem Hinweis, die Familie werde in Chile auf dem Lande weit entfernt von der nächsten Stadt wohnen: Dort herrsche ein tropisches Klima.  Die Familie verließ Wolfenbüttel mittellos am 31. März 1939 nach Santiago in Chile. In einer Akte des hiesigen Staatsarchivs ist der frühere Wohlstand der Familie dokumentiert.

Die Gestapo Braunschweig teilte dem Amtsgericht Wolfenbüttel im September 1941 mit, gegen Julius Pohly schwebe ein Ausbürgerungsverfahren. Bis zum Abschluss des Verfahrens müssten sämtliche im Inlande befindlichen Vermögenswerte sichergestellt werden. Im Mai 1942 informierte das Finanzamt Wolfenbüttel das hiesige Amtsgericht, dass sein Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches verfallen ist — mit anderen Worten, endgültig geraubt worden ist. Julius Pohly starb 1947 im Alter von 66 Jahren in Santiago de Chile.

 

Familie
Else Pohly →
Hedwig Pohly →