Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Lange Herzogstraße

Clara Reis
geborene Eichenberg

Lange Herzogstraße 26

geb. 28. September 1867, Flucht 1937
Brasilien, überlebt

 

Clara Reis folgte ihrer nach Brasilien geflüchteten Tochter Anfang 1937. Sie flüchtete auf einem Schiff aus Hamburg. Sie starb in Brasilien im August 1954.

 

Familie
Hans Jürgen Reis
Lieselotte Boas, geb. Reis →

Hans Jürgen Reis

Lange Herzogstraße 26

geb. 10. Dezember 1911, Flucht 1938
Brasilien, überlebt

 

Über Hans Jürgen Reis’ Leben in Wolfenbüttel ist noch nichts bekannt. Aus neueren Informationen wird deutlich, dass er bereits im Juli 1936 nach Brasilien geflüchtet ist. In einer eidesstattlichen Erklärung im Zusammenhang mit einem Entschädigungsvorgang schrieb er in den 1960er Jahren unter anderem: In Brasilien erhielt ich eine Stellung als Hilfsarbeiter in einer Tuchfabrik in einem kleinen Ort, Rio Tinto im Staat Paraiba do Norte, wo ich von 1936 bis zum Jahre 1938 unter den denkbar ungünstigsten klimatischen Bedingungen arbeitete. Das für Europäer ungeeignete Klima und die dürftigen Arbeitsbedingungen, ohne jegliche ärztliche Assistenz, veranlassten mich nach dem Süden des Landes zu übersiedeln, wo ich von 1939 bis 1948 als unabhängiger Futtermittelmakler in der Stadt St. Paulo betätigte.

 

Hans Jürgen Reis war zweimal verheiratet. Sein Sohn Luciano Eric Reis war für die Stolpersteinverlegung am 7. Mai 2011 mit seiner Frau und einem Sohn in Wolfenbüttel zu Besuch. Zum Beginn der Stolperstein-Verlegungen spendete er im Dezember 2010 einen namhaften Betrag. Sein Vater starb im August 1982 in Sao Paulo.

 

Familie
Clara Reis
Lieselotte Boas, geb. Reis →

Altes Tor

Henriette Rosenthal
geborene Heymann

Am Alten Tore 6

geb. 7. August 1876 in Schöppingen, deportiert 11. Juli 1942
Auschwitz, tot

 

Henriette Rosenthal führte gemeinsam mit ihrem Mann Pinkus ein angesehenes Juweliergeschäft mit sechs Schaufenstern. Aufgrund der Krankheit ihres Mannes ging das Geschäft in den 1920iger Jahren soweit zurück, dass er es an den Kaufmann Berthold Moses verpachtete, der in den Räumen ein Schuhgeschäft eröffnete. Die noch vorhandenen Gold- und Silberwaren verkaufte Henny Rosenthal in einem kleinen Raum, der ein Schaufenster besaß. Pinkus Rosenthal starb im September 1934 in der Heil- und Pflegeanstalt Königslutter. Das Handelsregister beim Amtsgericht enthält den Vermerk, dass der Geschäftsbetrieb am 22. Juni 1937 erloschen ist. Seine Frau, als Erbin, beantragte im Oktober 1936 die Überschreibung des Grundstücks im Wert von 21.700 RM auf ihren Namen. Im Zuge des beabsichtigten Raubes aller jüdischen Vermögen beantragte das Finanzamt Wolfenbüttel im Mai 1938 beim Amtsgericht zugunsten des Reichsfiskus die Eintragung einer Sicherungshypothek von 10.000 RM: Als Sicherheit für die bei der Auswanderung der Witwe Henny Rosenthal fällig werdende Reichsfluchtsteuer. Im August bewilligt Henny Rosenthal dem Kaufmann Willhelm Bartels ein Vorkaufsrecht mit Eintragung in das Grundbuch. Weil Henny Rosenthal Ende 1939 mit der Zahlung der 5. Rate der Judenvermögensabgabe in Höhe von RM 2.450 in Rückstand war, beantragte das Finanzamt eine Sicherungshypothek in gleicher Höhe. Im Februar 1942 verfügte der Oberfinanzpräsident gemäß einer Verfügung des Braunschweigischen Innenministers die Einziehung ihres Vermögens zugunsten des deutschen Reiches: Die Verwaltung und Verwertung des Vermögens liegt aufgrund eines Erlasses des Führers vom 29.5.1941 mir ob. Frau Rosenthal und ihre behinderte Enkelin Lore Adler, die zeitweise auch in einem Heim gewohnt hatte, mussten das Haus verlassen und in das „Judenhaus“ Karrenführerstraße 5 umziehen, danach in das „Judenhaus“ Lange Straße 34. Ihr Haus wurde nun für das „Reich“ vom Wolfenbütteler Finanzamt verwaltet. Am 11. Juli 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Sie kehrte nicht zurück.

 

Familie
Else Singer, geb. Rosenthal →
Lore Adler →

Kommissstraße

Eva Rhée

Kommissstraße 4

geb. 21. Juni 1922 in Wolfenbüttel, Flucht 1938, Brasilien

 

Über Eva Rhée ist fast gar nichts bekannt. Sie war die Tochter des Bankdirektors Leo Rhée. Nach dem wahrscheinlichen Besuch einer Wolfenbütteler Schule lebte sie zeitweilig in Pensionaten am Bodensee und in Schweden. Ende 1938 flüchtete sie mit ihren Eltern nach Brasilien.

 

Familie
Grete Rhée →
Hans Rhée →
Leo Rhée →
Rosalie Hodenberg →R

Grete Rhée

geborene Hodenberg

Kommissstraße 4

geb. 17. Juni 1893 in Ottenstein, Flucht 1938, Brasilien

 

Grete Rhée war die Ehefrau des Bankdirektors Leo Rhée. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter Eva flüchtete sie Ende 1938 nach Brasilien. Dort trafen sie ihren Sohn Hans wieder, der bereits 1935 nach Brasilien geflüchtet war.

 

Familie
Hans Rhée →
Leo Rhée →
Rosalie Hodenberg →
Eva Rhée →


Hans Rhée

Kommissstraße 4

geb. 27. April 1916 in Wolfenbüttel, Flucht 1938, Brasilien

 

Hans Rhée war in Wolfenbüttel zur Schule gegangen, hatte aber das Abitur nicht mehr ablegen können. Er ließ sich in einer Textilfachschule in Thüringen zum Textilingenieur ausbilden und flüchtete um 1935/36 nach Brasilien. 1938 folgten ihm seine Eltern und seiner Schwester Eva.

 

Familie
Grete Rhée →
Leo Rhée →
Rosalie Hodenberg →
Eva Rhée →

Leo Rhée

Kommissstraße 4

geb. 22. Dezember 1883 in Groß Düngen/Marienburg, Flucht 1938, Brasilien
gest. 8. März 1954 in Brasilien

 

Bankdirektor Leo Rhée soll ein „getaufter Jude” gewesen sein. Alfred Rülf berichtet über ihn: Ich erinnere mich, als meine Eltern etwa 1931 von einem jüdischen Begräbnis einer prominenten Persönlichkeit zurückkamen. Bei der Beerdigung hatten die Juden, wie es bei uns Brauch ist, ihre Zylinder aufbehalten während die anwesenden Christen ihn respektvoll abgenommen hatten. Herr Rhée überwand das Problem, indem er seinen Zylinder etwa 20 cm über seinen Kopf hielt. Da er 100% Nichtarierer war, wird ihm diese Gesinnungsakrobatik wohl ebenso wenig genutzt haben wie zig tausend anderen getauften Juden in Deutschland. Auschwitz und Treblinka ist voll von Asche getaufter Juden.
Leo Rhée war seit Oktober 1902 Angestellter der Deutschen Bank, ab 1921 Leiter der Filiale in Wolfenbüttel. Die Familie gehört zu den weniger bekannten. Fragt man ältere Wolfenbütteler nach jüdischen Familien, erinnern sie sich sofort an Familie Schloss, an die Ilbergs oder an die Pohlys. Die Familie Rhée ist unbekannt. Rhées wohnten über den Bankräumen in einer großen Wohnung im ersten Stock, über ihnen lag die Wohnung des Bankboten Gustav Bosse. Beide Familien waren freundschaftlich miteinander verbunden. Gerhard Bosse, Sohn des Bankboten, erzählte mir über die Familie. Rhées waren vornehme und zurückhaltende Leute. Sie führten einen „herrschaftlichen” Haushalt mit Personal und waren nicht unvermögend. Ihre zwei Kinder hießen Eva und Hans. Wir haben alle im gleichen Kinderwagen gelegen, erst Hans, dann Eva und danach ich. Wir waren eng miteinander befreundet. Ich war oft in der Wohnung Rhée und durfte dort spielen, als gehörte ich zur Familie.  Als ich im ersten Schuljahr war, kam ich etwas früher nach Hause. Weil meine Mutter nicht da war, rief mich Frau Rhée in ihre Wohnung. Ich durfte im Kinderzimmer spielen. Dort stand eine Tafel. Ich habe die dann, weil wir das in der Schule gerade gelernt hatten, mit Hakenkreuzen bemalt.  Frau Rhée habe sich sehr darüber amüsiert und ihm die Tafel später geschenkt. Bosse erinnerte sich an das Butterhaus Schönemann in der Langen Herzogstraße. Littauer Käse hätten Rhées gern gegessen, besonders aber den, den der Ladeninhaber mit kleinen Hakenkreuzen verzierte. Frau Rhée habe immer nur diesen verzierten Käse gewünscht.  
Leo Rhée beendete seine Tätigkeit in der Deutschen Bank im März 1934. Die Familie zog nach Hannover und kaufte in der Siegesstraße eine Villa. Bosses haben Rhées dort oft besucht, und ich habe dort auch mal meine Ferien verbracht. Hätte das mein Lehrer gewußt, wäre ich verprügelt worden. Die Nacht des Pogroms haben Rhées ohne große Probleme verbracht. Herr Rhée hatte sich einen Tag und eine Nacht lang in der Eilenriede versteckt, um nicht abgeholt zu werden.
Ende 1938 sind Rhées mit Eva auch nach Brasilien geflüchtet, konnten etwas Hausrat mitnehmen, aber nur einen Bruchteil ihres Vermögens.

 

Familie
Grete Rhée →
Hans Rhée →
Rosalie Hodenberg →
Eva Rhée →

Bahnhofstraße

Gertrud Rülf

Gertrud Rülf

geborene Reis

Bahnhofstraße 1

geb. 19. Februar 1895 in Braunschweig, Flucht 1934, Palästina
gest. 18. Mai 1976 in Naharia, Israel

 

Die biografischen Texte zur Familie Rülf - Rudolf, Gertrud, Alfred und Renate - haben Schü-lerinnen und Schüler des Wolfenbütteler Gymnasiums im Schloss mit ihrer Lehrerin Ann-Kathrin Behm erarbeitet und am 19. November 2015 anlässlich der Stolperstein-Verlegung in Anwesenheit von 18 Angehörigen der Familie Rülf aus Israel im Ratsaal des Wolfenbütteler Rathauses vorgetragen.

Gertrud Rülf
Wir haben uns mit Gertrud Rülf, der Ehefrau von Rudolf Rülf und Mutter von Alfred und Rina beschäftigt. Da es nicht viele Informationen über sie gibt, haben wir uns dazu entschlossen, einen fiktiven inneren Monolog zu schreiben.
Was wir über sie wissen ist, dass sie am 19.02.1895 geboren wurde und am 28.03.1969 in Naharia, Jerusalem gestorben ist. Sie galt als sehr beliebt und hatte einen großen Freundeskreis, sowohl jüdisch, als auch christlich. Außerdem war sie im Wolfenbütteler Kegelverein aktiv und las viel, wie ihre Tochter später berichtete.
Wir stellen uns vor, was Gertrud Rülf zum Zeitpunkt ihrer Abreise nach Jerusalem gedacht und gefühlt haben könnte:
Nun stehe ich hier. Ich blicke in die Gesichter meiner Kinder; in ihnen sehe ich die gleiche Angst, die auch ich verspüre. Sie hier zurückzulassen, bricht mir das Herz, aber ein normales Leben ist hier für uns nicht mehr möglich. Die alltäglichen Ängste und Sorgen quälen uns alle. Wir müssen weg, weg von unserem geliebten Zuhause, weg von unseren Freunden und unserer Arbeit, in eine unsichere Zukunft, mit unbekannter Sprache und fremden Menschen. Werden wir je wieder ein normales Leben führen können?
Ich habe bei Joachim Esberg ein Gedicht gelesen, an das ich mich in diesem Moment erinnere:

Warum muss ich bettelnd flehen
Um etwas, das mein Eigentum?
Warum denn, sagt mir, warum
Muss ich vor fremden Türen stehen?

Tat etwa ich, wie man nicht tut?
Bin ich nicht, was ihr alle seid:
Ein Mensch voll seiner Menschlichkeit?
Ach, ich vergaß – bin ja ein Jud'!

Ist es nicht so? Sind wir nicht alle nur Menschen? Warum muss ich gehen, und andere dürfen bleiben? Alles wurde mir genommen. Was habe ich verbrochen, was habe ich nur getan, dass diese Menschen mir mein Leben entreißen? Ich bin Jüdin, genau wie mein Mann und meine Kinder, aber das macht uns doch nicht zu schlechten Menschen. Meine Zukunft und die meiner Familie ist ungewiss. Ich bete, dass ich meine Kinder bald wiedersehen werde und sie es hier gut haben werden, ohne mich. Bald werde ich sie wieder in die Arme schließen. Ich habe Angst, und bin doch voller Hoffnung, Hoffnung, dass es besser wird. Dass ich diese Menschen, die mich zwingen, mein altes Leben zurückzulassen, in meinem neuen nie wieder sehen muss. Dass meine Familie und ich endlich wieder richtig leben können, ohne Angst und Sorgen. Ich nehme meine Kinder in den Arm. Ich halte sie fest, möchte sie nicht loslassen. Mein Mann legt seine Hand auf meine Schulter. "Wir müssen gehen", sagt er. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich blicke mich um, verabschiede mich von all dem, was ich hatte. Ich lasse meine Heimat hinter mir, doch klammere mich an die Hoffnung auf ein neues Leben.

 

Familie
Alfred Rülf →
Renate Rülf →
Rudolf Rülf →


Alfred Rülf

Alfred Rülf

Bahnhofstraße 1

geb. 18. September 1923 in Wolfenbüttel, Flucht 1934, Palästina

 

Die biografischen Texte zur Familie Rülf - Rudolf, Gertrud, Alfred und Renate - haben Schü-lerinnen und Schüler des Wolfenbütteler Gymnasiums im Schloss mit ihrer Lehrerin Ann-Kathrin Behm erarbeitet und am 19. November 2015 anlässlich der Stolperstein-Verlegung in Anwesenheit von 18 Angehörigen der Familie Rülf aus Israel im Ratsaal des Wolfenbütteler Rathauses vorgetragen.

Alfred Rülf - ein fiktiver Abschiedsbrief

Lieber Freund,
mit diesem Brief möchte ich mich von dir verabschieden. Meine Familie wird Wolfenbüttel verlassen und nach Palästina auswandern, weil die Situation für uns Juden hier in Wolfenbüttel zunehmen schlechter wird. Besonders in der Schule spüre ich diese Auswirkungen und fühle mich zunehmend unwohl. Begonnen hat alles im Jahre 1933, als ich in die sechste Klasse der Großen Schule kam. In meiner Klasse gab es außer mir noch einen weiteren jüdischen Schüler und das hatte auch einen Grund. Der sogenannte „Numerus Clausus“ bestimmt den prozentualen Anteil an Juden einer Schulklasse. Nur 0.5% dürfen jüdisch sein. Bis auf uns wenige Juden ist die Große Schule durch und durch braun. Jeder Lehrer trägt ein NS-Parteiabzeichen und auf Schulausflügen ist jeder Schüler dazu verpflichtet seine HJ-Uniform zu tragen. Schüler wie ich, die keine Mitglieder der HJ sind, werden hinten eingereiht.
Außerdem wurde angeordnet, dass sich alle, auch Schüler untereinander, mit „Heil Hitler“ begrüßen. Fast alle Schüler, aber vor allem die Lambrecht Brüder, nutzen dies um mich zu schikanieren. Doch nicht nur damit werde ich gedemütigt, sondern auch mit volksgenössischen Liedern, die offen die Tötung von Juden propagieren. Diese Lieder wurden während des Unterrichts  gesungen, ohne dass die Lehrer ihre nationalsozialistischen Überzeugungen vor mir, einem Juden, zurückhielten. Lediglich mein Klassenlehrer Dr.Wacker sprach mit meinem Musiklehrer über das Unterlassen derartiger Lieder. Er war es auch, der mein Ansehen in der Klasse weitgehend rehabilitiert hat, indem er bei einer seiner Kriegsgeschichten einen meiner Onkel, Leutnant Elias, erwähnte, der bei den Soldaten besonders beliebt war. Trotzdem kann ich nicht behaupten, jemals wirkliche Freunde auf der Großen Schule gehabt zu haben. Aus diesem Grund fällt mir der Abschied von Wolfenbüttel nicht besonders schwer. Aber dich wollte ich wissen lassen, warum ich Deutschland den Rücken kehre und mit meiner Familie nach Palästina auswandere. Dort werden sie uns hoffentlich akzeptieren und uns ein angstfreies Leben ermöglichen.
Lebe wohl,
dein Alfred Rülf

Alfred Rülf ist am 18. September 1923 in Deutschland geboren. 1929 wurde er in die Schule an der Wallstraße eingeschult und ging ab 1933 in die sechste Klasse der Großen Schule. 1934 verließ Alfred mit seiner Familie Deutschland. (Seine Eltern reisten zuerst nach Palästina, er und seine Schwester folgten bald.)

 

Familie
Gertrud Rülf →
Renate Rülf →
Rudolf Rülf →


Renate Rülf

Renate Rülf

verheiratete Grünberg

Bahnhofstraße 1

geb. 6. November 1920 in Wolfenbüttel, Flucht 1934, Palästina
gest. Juni 1996 in Israel

 

Die biografischen Texte zur Familie Rülf - Rudolf, Gertrud, Alfred und Renate - haben Schü-lerinnen und Schüler des Wolfenbütteler Gymnasiums im Schloss mit ihrer Lehrerin Ann-Kathrin Behm erarbeitet und am 19. November 2015 anlässlich der Stolperstein-Verlegung in Anwesenheit von 18 Angehörigen der Familie Rülf aus Israel im Ratsaal des Wolfenbütteler Rathauses vorgetragen.

Renate “Rina” Rülf
Die Brieffreundschaft zwischen Herrn Jürgen Kumlehn und Rina (Renate) Grünberg, geborene Rülf, begann 1995 mit einer von Herrn Kumlehn beauftragten, Suchanzeige nach ehem. jüdischen Wolfenbüttelern in einer israelischen Zeitung. Sie war begeistert von seinem Vorhaben, der Schicksale der jüdischen Familien zu gedenken und diese Erinnerungen niederzuschreiben. Sie schrieb:„Ich finde es gut und wichtig, dass auch nach 50 Jahren noch an die jüdische Gemeinde gedacht wird.“
Ebenso wie wir, war Rina eine Schülerin des Gymnasiums im Schloss und genoss ihre Schulzeit bis zur 7. Klasse. Sie schrieb: „Ich war die einzige Jüdin an der Schule, zumindest die letzten 2 Jahre. Habe nie eine antisemitische Bemerkung oder sonstige Erfahrung erlebt.“ Leider hielt dieses Glück nicht lange, denn in ihrem 13. Lebensjahr verschärfte sich der Antisemitismus, sodass sie sich noch gut an ein prägnantes Erlebnis aus ihrer Jugend erinnerte.
„Am 01.April 1933gingen die SA und SS durch die Straßen, blieben an jedem Haus, wo Juden wohnten, stehen und grölten ihre Antijudenparolen. Ich stand auf dem Wall – gegenüber unserer Wohnung - mit einer Freundin und wir konnten nicht rüber gehen – Beide sagten wir kein Wort.“
In dieser Zeit fühlte sie sich als Jüdin immer unerwünschter, selbst im Haus einiger ihrer nichtjüdischen Freundinnen war sie nicht mehr willkommen. Im Nachhinein empfand sie die Entscheidung ihres Vaters zum frühen Weggang als weitsichtig und richtig.
 
Im Mai 1934 kamen Rudolf und Gertrud Rülf nach Palästina. Rina ging in Celle zur Schule. Schließlich kamen sie am 3.Oktober 1934 über Triest nach Israel. Rina empfand die Einwanderung zunächst als Befreiung. Als 14-jährige war sie glücklich in ihrem Paradies Atlit und ging gerne zur Dorfschule, denn sie war eine ehrgeizige und wissbegierige Schülerin. Allerdings brach sie die Schule ab, denn ihre Hilfe wurde Zuhause gebraucht, aufgrund der schlechten Gesundheit ihrer Mutter.
Rina wurde mit der Zeit immer unglücklicher mit ihrem Leben in Atlit, denn ihr fehlte der Kontakt zu Gleichaltrigen und selbst im hohen Alter bedauerte sie, dass ihre Eltern sie nicht zur Schule nach Haifa geschickt haben. Sie verbrachte viel Zeit mit Lesen in der großen Bibliothek ihrer Mutter.  1936 bestand die 16-jährige Rina schließlich weg zuziehen, was sie als wahres Glück empfand. Rina engagierte sich als Mitglied für den Jugendbund und besuchte den angebotenen Erste Hilfe- und  Funkkurs. Allerdings weigerte sich die Pazifistin stets eine Waffe in die Hand zu nehmen. Im  August 1938 begann sie ihre Ausbildung zur Säuglingsschwester. Ein Vierteljahr später begegnete sie ihren späteren Ehemann Achim Grünberg aus Berlin. Nach Ausbruch des Krieges heirateten beide nach dem Motto „Wer weiß, was morgen sein wird?“ am 10.September 1938.
Über die Zeit nach der Hochzeit berichtete Rina:
„Die folgenden Jahre waren teilweise recht schwer, aber wir waren und blieben glücklich miteinander, das half uns eine Menge leichter zu ertragen.“
Am 19.Oktober 1941 gebar Rina ihren gemeinsamen Sohn Oded, auf denen noch zwei Töchter, Irit und Daniela folgten. Durch die finanzielle Hilfe ihrer Eltern kaufte sich die Familie ein kleines Häuschen in Kiryat Yam.                                                                                    
Rina kehrte zweimal nach Wolfenbüttel zurück, in den Jahren 1966 und 1987. Sie kam ohne Vorurteile, denn in ihren Augen dürften „[..] die Kinder nicht für das Leben und die Taten ihrer Väter verantwortlich gemacht werden.“. Nach einem Gang durch ihre ehemalige Heimat sagte Rina :„ So käme ich als Fremde hier her, so fände ich die Stadt wunderschön.“
Durch eine ehemalige Klassenkameradin Renates zu Schlosszeiten, wurde es ihr möglich einige ihrer Mitschüler zu treffen. „Es wurde viel gelacht, und so manches Märchen aus alten Zeiten kam uns wieder in den Sinn.“ so Rina. Seit dieser Zeit pflegte Rina Brieffreundschaften zu ihren ehemaligen Mitschülerinnen aus Wolfenbüttel.

Renate Grünberg verstarb im Juni 1996 in Kiryat Yam und blieb als starke, selbstbewusste Frau in der Erinnerung ihrer Freunde und ihrer Familie.

 

Familie
Gertrud Rülf →
Alfred Rülf →
Rudolf Rülf →


Rudolf Rülf

Rudolf Rülf

Bahnhofstraße 1

geb. 21. August 1890 in Braunschweig, Flucht 1934, Palästina
gest. 28. März 1969 in Naharia, Israel


Die biografischen Texte zur Familie Rülf - Rudolf, Gertrud, Alfred und Renate - haben Schü-lerinnen und Schüler des Wolfenbütteler Gymnasiums im Schloss mit ihrer Lehrerin Ann-Kathrin Behm erarbeitet und am 19. November 2015 anlässlich der Stolperstein-Verlegung in Anwesenheit von 18 Angehörigen der Familie Rülf aus Israel im Ratsaal des Wolfenbütteler Rathauses vorgetragen.

Rudolf Rülf - Seine Tätigkeit als Zahnarzt und sein Berufsverbot

Was braucht es um ein guter Arzt zu sein? Ein im Jahr 1914 abgeschlossenes Studium der
Zahnheilkunde, Erfahrungen unter widrigsten Umständen an der Front? Dies könnte man vermuten und deshalb Rudolf Rülf eine erfolgreiche Zukunft voraussagen, als er am 14.09.1919 stolz im Wolfenbütteler Kreisblatt verkündete: „Ich habe mich in Wolfenbüttel als
Zahnarzt niedergelassen und halte wochentags von 9-1 Uhr und 3–6 Uhr
Sprechstunden ab“.
Zunächst war es auch so. Dr. Rülf wurde in Wolfenbüttel als Arzt und Mensch sehr geachtet, wie uns ein Schulfreund von Alfred, Herr Hahne, auch erzählte. Doch nach der Machtübernahme Hitlers wurde alles anders. Da er sich auch kollegiale Hochachtung erarbeitet hatte, warnte ihn einer seiner Kollegen vor dem drohenden Ereignis.
Am 17. Juli 1933 wurde Dr. Rülf in einem Schreiben mitgeteilt: „ In der Sitzung der kassenärztlichen Vereinigung (wurde) festgestellt, dass die Bestimmung des Ariergesetzes auf Sie anzuwenden sind.“Angeblich konnte sein Kriegsdienst nicht nachgewiesen werden. Jeder, der Rudolf Rülfs Lebenslauf kennt, kann hier nur den Kopf schütteln. Am 27. Juli
verfasste Dr. Rülf einen Beschwerdebrief in dem er mithilfe des Militärpasses die Teilnahme an 3 Gefechten beweisen und sich auf einen Beleg des Generaloberarztes beziehen konnte. Die Beweislage schien klar. Die Hoffnung von Herrn Rülf war begründet, immerhin wurde ihm die Kriegsteilnahme an 2 verschiedenen Gefechten, sowie der Posten als Chefarzt im Lazarett bescheinigt. So schloss er den Brief mit den Worten, dass dementsprechend der Beschluss der Braunschweigischen Kassenärztlichen Vereinigung aufzuheben sei.
Gerichtet war dieses Schreiben an das Reichsarbeitsministerium. Wie lautete die Antwort? „Nicht stattgegeben.“ Warum? „Sie sind nichtarisch im Sinne des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Diese Entscheidung ist endgültig.“
Endgültig zu weit gegangen war aber eigentlich nur der Irrsinn der damaligen Zeit. Denn wie kann man eine Verbindung zwischen der Qualifikation eines Zahnarztes und dem Ariersein ziehen? Für uns heute ist das kaum noch zu begreifen.

Rudolf Rülf flüchtete mit seiner Familie 1934 mit seiner Familie unter Mitnahme fast seiner gesamten Praxiseinrichtung nach Palästina.

Familie
Gertrud Rülf →
Alfred Rülf →
Renate Rülf →