Namen und Biografien

Sortiert nach Familiennamen
Stobenstraße

Heinrich Wedekind

Stobenstraße 8

geb. 23. Mai 1894 in Wendhausen verhaftet 1944, „Feindsender gehört“ Volksgerichtshof Berlin, zum Tode verurteilt und hingerichtet 27. November 1944

 

Nach dem Schulbesuch lernte er den Beruf des Schuhmacher. Am 14.12.1918 mußte er Soldat werden. Sein Vorgesetzter an der Front war der jüdische Kaufmann Berthold Moses. Als Moses verwundet wurde, holte Wedekind ihn aus der Kampfzone. Dabei erlitt er am 13. Juni 1915 einen Lungensteckschuss. Moses und Wedekind lagen gemeinsam in einem Lazarett in Jaroslau, damals Polen. Die beiden Männer wurden Freunde über den Krieg hinaus. Nach dem Krieg machte Wedekind seinen Meister im Schumacherhandwerk. Sein Freund Moses eröffnete in Wolfenbüttel ein Schuhgeschäft. Wedekind erwarb 1928 ein Haus in der Stobenstraße, richtete hier eine Werkstatt ein und arbeitete auch für Moses, dessen Geschäft nicht weit entfernt am Alten Tore lag. 

 

Im August 1938 flüchtete die Familie Moses in die USA. Wedekind hätte das Geschäft von Berthold Moses gern weitergeführt, konnte es aber aus finanziellen Gründen nicht. Einige Jahre später eröffnete er in Salzgitter-Watenstedt eine weitere Werkstatt. Sein Sohn kämpfte an der Ostfront und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In der Watenstedter Werkstatt hatte er als Mitarbeiter vier bis fünf ausländische Zwangsarbeiter, die er immer gut mit Essen versorgt haben soll. In der Werkstatt stand auch ein Radio, mit dem er verbotene ausländische Sender hörte, weil er sich wegen seines verschollenen Sohnes über die Frontverhältnisse informieren wollte. Einer der Zwangsarbeiter verriet ihn. Die Gestapo verhaftete ihn und brachte ihn in das Braunschweiger Gefängnis Rennelberg. Wedekind ging davon aus, eine kurze Strafe zu erhalten und bald nach Hause zurückkehren zu können. Aus dem Gefängnis schrieb er seiner Frau zwei Briefe mit Ratschlägen, wie sie das Geschäft während seiner Abwesenheit weiterführen sollte.

 

Seine Hoffnung erfüllte sich nicht, er wurde in das Gefängnis Tegel gebracht und erhielt einen Prozeß vor dem Volksgerichtshof in Berlin. Auf die Frage, ob er bereue, soll er geantwortet haben: “Ich habe nichts zu bereuen. Ich habe nichts Schlechtes getan.“ Heinrich Wedekind wurde zum Tode verurteilt und am 27. November 1944 im Gefängnis Brandenburg/Havel hin-gerichtet. Seine Frau erfuhr vom Urteil und vom Tode ihres Mannes durch einen Brief des Gefängnispfarrers, der sie über die Hinrichtung informierte.

 

Heinrich Wedekinds Einsatz für sein Land als Soldat in I. Weltkrieg, aus dem er krank zurückgekehrt war, hat ihm im „Dritten Reich“ nicht das Leben gerettet. Wegen einiger regimekritischer Aussagen wurde ihm sein Leben genommen.

 

 

Dr.-Heinrich-Jasper-Straße

Siegfried Weiler

Dr.-Heinrich-Jasper-Str. 12 (ehemals Auguststr. 6)

 

geb. 16. Oktober 1894 in Merchweiler,

"Schutzhaft" 1938, Dachau, 

Deportation am 1. April 1942 in das Ghetto Warschau
Schicksal unbekannt

 

 Siegfried Weiler lebte bis 1940 in Merchweiler im Landkreis Neunkirchen im Saarland. Dort übernahm er im September 1922 von seinem Vater Markus Weiler dessen Metzgerei, die er bis zum 9. November 1938 betrieb.[1] Im November 1938 wurde er in „Schutzhaft“ genommen. Am 16.1. 1940 zog Siegfried nach Wolfenbüttel, wo er Rosa Levy am 25. 1. 1940 heiratete. Rosa Weiler kam erst am 22. April 1940 nach Wolfenbüttel.[2] Beide wohnten zunächst in der Halchtersche Straße 2, dem Anwesen des jüdischen Viehhändlers Alfred Pohly.[3] Vom 31. Oktober 1940 bis 29. Januar 1941 wohnte das Ehepaar in der Gabelsbergerstr. 2,[4] anschließend bis 10. Oktober 1941 in der Auguststr. 6.[5] Danach musste das Ehepaar in die Lange Straße 34 [6] – eines der „Judenhäuser“ Wolfenbüttels ziehen, wo sie sich bis zu ihrer Deportation in das Ghetto Warschau am 1. April 1942 [7] aufhielten.
Eine Archivalie [8] des Landesarchivs Saarland aus dem Bestand des „Landesentschädigungsamtes“ wird vermerkt, dass das Ehepaar Weiler die Eltern von Siegfried Weiler im Altersheim in Berlin und auf der Rückreise die Eltern der Ehefrau in Wolfenbüttel besuchten. Die Weiterreise wurden ihnen untersagt, daher mussten sie in Wolfenbüttel bleiben. Die Recherche nach einem möglichen Aufenthalts-  oder Wohnort der Eltern von Rosa Weiler in Wolfenbüttel ergab keine Hinweise.
Ursprünglich war die Deportation am 31. März 1942 vorgesehen, durch eine Verzögerung erfolgte sie dann einen Tag später.[9] Über sein weiteres Schicksal gibt es keine Belege.
Siegfried Weiler war der Älteste von insgesamt sechs Geschwistern. Er hatte noch drei jüngere Schwestern  und zwei Brüder [10]: Julius, geboren am  30.05.1896; Ida, geboren am 5.10.1897; Emmy, geboren am 17. März 1899; Lilly, geboren am 29. Dezember 1902. Emmy Friedmann, geb. Weiler und Walter haben als einzige der Familie den Holocaust überlebt. Emmy wurde 101 Jahre alt, während Walter am 28.07.1958 starb. Emmy Friedmann hatte eine Tochter, Daisy Uhl, geb. 1942 in Gurs. Diese lebt mit ihrer Familie - drei Kindern und sechs Enkelkindern in Südfrankreich. [11] Während Lilly‘ s Tod auf das Jahr 1942 datiert wird [12], jedoch über das Schicksal von Julius ist nichts bekannt. Ida emigrierte noch vor dem 22. Okt. 1940 und wohnte später als Frau Selig in Portland/Oregon (USA).[13]


[1] Lebenswege jüdischer Mitbürger, Landkreis Neunkirchen (Hrsg.), 2009, S. 167
[2] Schreiben des Bürgermeisters von Merchweiler 25.7.1963, Entschädigungsakte Siegfried Weiler, LEA, 10552 (Landesarchiv Saar)
[3] Lebenswege jüdischer Mitbürger, Landkreis Neunkirchen (Hrsg.), 2009, S. 167
[4] Einwohnermeldeamt Wolfenbüttel, Karteikarte
[5] ebenda
[6] NLa Wf, 15 R4 Zg.46/1989 Nr. 4
[7] aus http://www.statistik-des-holocaust.de/Deportationslisten. Die Originale liegen unter: NLA Hannover, Hann. 210 Acc. 160/98, Nr. 5
[8] Landesarchiv Saarland, Bestand Entschädigungsakte, LEA 10552
[9] ebenda
[10] Gerber, Hugo: Familienbuch der Pfarrei und Bürgermeisterei Illingen von 1689 bis 1904. 4 Bde. Merchweiler 1998
[11] Nach eigenen Angaben der Tochter
[12] Lebenswege jüdischer Mitbürger, Landkreis Neunkirchen (Hrsg.), 2009, S. 167
[13] Martin, Josef: Die Geschicke der Merchweiler Juden in den dreißiger und vierziger Jahren in: Merchweiler Heimatblätter Ausgabe 2001

 

 

Rosa Weiler, geb. Levy

Dr.- Heinrich-Jasper-Str. 12, ehemals Auguststr. 6 

 

geboren am 17. Januar 1903 in Bollendorf, Deportation am 1. April 1942 in das Ghetto Warschau, Schicksal unbekannt

 

Rosa Weiler lebte  bis April 1940 in Merchweiler im Landkreis Neunkirchen im Saarland [1]. Am 25. Januar 1940 heiratete sie Siegfried Weiler, der bereits seit dem 16.1.1940 in Wolfenbüttel wohnte.[2] Am 22. April 1940 zog Rosa zu ihrem Mann nach Wolfenbüttel in die Halchtersche Straße 2, dem Anwesen des jüdischen Viehhändlers Alfred Pohly [3]. Danach wohnten sie beide vom 31. Oktober 1940 bis 29. Januar 1941 in der Gabelsbergerstr. 2,[4] anschließend bis 10. Oktober 1941 in der Auguststraße 6,[5] bevor das Ehepaar in die Langestraße 34,[6] eines der „Judenhäuser“ von Wolfenbüttel ziehen musste. In einer Archivalie [7] des Landesarchivs Saarland aus dem Bestand des „Landesentschädigungsamtes“ wird vermerkt, dass das Ehepaar Weiler die Eltern von Siegfried Weiler im Altersheim in Berlin und auf der Rückreise die Eltern der Ehefrau in Wolfenbüttel besuchten. Die Weiterreise wurden ihnen untersagt, daher mussten sie in Wolfenbüttel bleiben. Die Recherche nach einem möglichen Aufenthalts- oder Wohnort der Eltern von Rosa Weiler in Wolfenbüttel ergab keine Hinweise.
Am 1. April 1942 [8] wurde Rosa Weiler zusammen mit ihrem Mann in das Ghetto Warschau deportiert. Ursprünglich war die Deportation am 31. März 1942 vorgesehen, durch eine Verzögerung erfolgte sie dann einen Tag später. [9] Über ihr weiteres Schicksal gibt es keine Belege.


[1] Lebenswege jüdischer Mitbürger, Landkreis Neunkirchen (Hrsg.), 2009, S. 167
[2]Schreiben des Bürgermeisters von Merchweiler 25.7.1963, Entschädigungsakte Siegfried Weiler, LEA, 10552 (Landesarchiv Saar)
[3] Lebenswege jüdischer Mitbürger, Landkreis Neunkirchen (Hrsg.), 2009, S. 167
[4] Einwohnermeldeamt Wolfenbüttel, Karteikarte
[5] ebenda
[6] NLa Wf, 15 R4 Zg.46/1989 Nr. 4
[7] Landesarchiv Saarland, Bestand Entschädigungsakte, LEA 10552
[8] aus http://www.statistik-des-holocaust.de/Deportationslisten. Die Originale liegen unter: NLA Hannover, Hann. 210 Acc. 160/98, Nr. 5
[9] ebenda

 

 

Salzdahlumer Straße

Max Wolfsohn

Salzdahlumer Straße (ehemals Nr. 25)

 

Geb. 19.08.1868 in Tarnowitz

 

 

Max Wolfsohn und seine Ehefrau Marianne hatten 1905 in Berlin geheiratet. Er war Jude, sie eine protestantische Christin. Sie beschlossen, sich von ihren Konfessionen zu trennen und ihre Kinder freireligiös zu erziehen.

Der in Tarnowitz in Oberschlesien geborene Max Wolfsohn wurde 1932 arbeitslos, nachdem die Braunschweigische Maschinenbauanstalt (BMA) durch die Weltwirtschaftskrise in finanzielle Schieflage geraten war. Als Jude fand der Diplom-Ingenieur in den Folgejahren im nationalsozialistischen Deutschland keine Arbeit mehr, den Lebensunterhalt besserte die Familie auf, indem sie Zimmer ihrer Wohnung in der Salzdahlumer Straße 25 an Schüler der Wolfenbütteler Konditoreifachschule Lambrecht untervermietete. Durch die Kündigung ihrer Wohnung aber auch durch die Schikanen und Ausgrenzungsmaßnahmen der Wolfenbütteler Behörden, Geschäftsinhaber und Nachbarn sahen Max und Marianne Wolfsohn, die die in einer „Mischehe“ lebten, keinen anderen Ausweg, als zusammen mit ihrem jüngsten Sohn Günter Wolfsohn1937 nach Griechenland zu emigrieren. In Patras lebten bereits die Tochter Irma Wolfsohnund der Sohn Herbert Wolfsohn. Max Wolfsohn schloss sich in Patras der jüdischen Gemeinde an.

Doch nur für anderthalb Jahre gingen die Rentenzahlungen von Max Wolfsohn auf ein Konto in Griechenland ein. Als die Überweisungenaus Deutschland eingestellt wurden, konnte die Familie nicht mehr den Lebensunterhalt bestreiten. Schweren Herzens kehrte Marianne Wolfsohn 1939 Griechenland den Rücken und zog nach Braunschweig. Dort wohnte ihr Sohn Günter, der bereits ein Jahr zuvor in die Heimat zurückgekehrt war. Max Wolfsohn war mittellos und die deutschen Behörden hatten ihm als im Ausland lebenden Juden die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. 

1941 wurden Max Wolfsohn und seine zwei Kinder als Deutsche in ein griechisches Internierungslager verbracht. Die anschließende Besetzung Griechenlands durch italienische Truppen bedeutete für die Familie zunächst eine Erleichterung der Lebensbedingungen, doch als die Deutsche Wehrmacht und besonders die SS die alleinige Besatzungsmacht vor Ort wurde, gerieten die Wolfsohns in Lebensgefahr. Max Wolfsohn wurde von griechischen Freunden und mit Hilfe des funktionierenden Netzwerkes, das der Sohn und die Tochter zuvor aufgebaut hatten, versteckt. Häufig gab er sich für andere Personen aus. Herbert Wolfsohn floh vor den Nationalsozialisten in die Berge und schloss sich der Widerstandbewegung an. „Es gab für mich in Griechenland nur 2 Möglichkeiten. Entweder nach Auschwitz deportiert zu werden, wie 75.000 griechische Juden (das sind fast alle) oder aber illegal zu leben“, beschrieb Max Wolfsohn 1949 die lebensbedrohliche Situation.

1944 befreiten griechische Partisanen und britische Truppen Griechenland. Unterstützung erhielt Max Wolfsohn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch jüdische Hilfsorganisationen. Nach Emigration, Verfolgung, Illegalität, Hunger und Krankheit kehrte Max Wolfsohn 1947 nach Deutschland zurück und schloss seine Familie nach acht Jahren wieder in die Arme. Mitte 1948 bezogen Max und Marianne Wolfsohn eine Wohnung in der Jahnstraße in Wolfenbüttel.

 

Quellen:
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2883
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2884

Marianne Wolfsohn

Salzdahlumer Straße (ehemals 25)

 

geb. 14.3. 1883 in Dürrenbeck

 

Seit 1917 wohnte die Familie Wolfsohn in der Salzdahlumer Straße 25 in Wolfenbüttel zur Miete. Marianne Wolfsohn gehört der evangelisch-lutherischen Konfession an und lebte mit ihrem Ehemann Max in einer „privilegierten Mischehe“. In finanzielle Not geriet die Familie Wolfsohn spätestens 1932, als Max Wolfsohn nach 25 Jahren Tätigkeit als Ingenieur bei der Braunschweigischen Maschinenanstalt (BMA) aufgrund wirtschaftlicher Probleme des Traditionsunternehmens entlassen wurde und fortan vom viel zu geringen Arbeitslosengeld leben musste. Um das Familieneinkommen aufzubessern, vermietete Marianne Wolfsohn Zimmer unter an Schüler der in der Nähe liegenden Konditoreifachschule Lambrecht. Dies fand ein Ende, als die Nationalsozialisten auch der Familie Wolfsohn die Untervermietung verbot.

Ab 1933 sah sich die Wolfenbütteler Familie weiteren gezielten Ausgrenzungsmaßnahmen der NSDAP ausgesetzt. Für Marianne Wolfsohn wurde es immer schwieriger, in Wolfenbüttel Lebensmittel einzukaufen, da die örtlichen Geschäfte jüdische Kunden boykottierten. Marianne Wolfsohn beschrieb bereits die frühen 30er Jahre als „Hungers- und Elendszeit“ und musste mitansehen, wie der noch im Haushalt lebende Sohn Günter Wolfsohn (Jg. 1918) das Wolfenbütteler Gymnasium Große Schule nach Ausgrenzungen bei Schulfesten, Schikanen durch die Lehrer und brutalen körperlichen Übergriffen durch Mitschüler verlassen musste; auch der Besuch der Mittelschule endete 1935. Im gleichen Jahr ließ Marianne Wolfsohn ihren Sohn Günter konfirmieren. Doch 1937 kündigte der Hausbesitzer Wolfsohns die Wohnung in der Salzdahlumer Straße, ein neues Domizil wurde ihnen nicht mehr vermietet. Marianne, Max und Günter Wolfsohn planten die Flucht nach Griechenland, wo bereits die Tochter Irma Wolfsohn und Sohn Herbert seit Jahren lebten. Profiteure waren Wolfenbütteler, die die Möbel und den Hausstand der Wolfssohn erwarben. „Unter dem Druck der Emigration als Juden waren wir gezwungen, unter Wert zu verkaufen. Unsere Not wurde weidlich ausgenutzt“, schrieb Marianne Wolfsohn 1952.

1937 erfolgte der Umzug nach Patras. Marianne Wolfsohn erlitt einen Nervenzusammenbruch, als Günter Wolfsohn im Februar 1938 aus Griechenland ausgewiesen wurde. 1939 kehrte sie alleine nach Deutschland zurück, um die Rentenangelegenheiten ihres Mannes zu klären. Sie kam zunächst bei Bekannten in Braunschweig unter, durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war ihr die Rückkehr nach Griechenland endgültig verwehrt. Sie wurde aber immer wieder von der Gestapo Braunschweig vorgeladen, verhört und ab 1940 bedrängt, sich von ihrem in Griechenland zurückgebliebenen „jüdischen Ehemann“ zu trennen. Marianne Wolfsohn erlebte mit, wie ab 1942 Verwandte und Bekannte, denen sie so gut es ging half, aus Braunschweig in die Vernichtungslager deportiert werden. Im Januar 1943 war die Rente von Max Wolfsohn ganz gestrichen worden, seine Ehefrau nahm eine Stellung bei der Firma Briefmarken-Behrens in der Leonhardstraße 9 in Braunschweig auf

Und sie musste mitansehen, wie ihr Sohn Günter und andere „Halbjuden“ und „in privilegierter Mische lebende Ehepartner“ 1944 von der Adolfstraße in Braunschweig in ein Lager für „jüdisch-versippte“ in Blankenburg gebracht wurden. In Braunschweig erlebte sie die schweren alliierten Bombenangriffe auf Braunschweig, wurde in der Nähe der Büssingwerkenach Verschüttung zweimal aus den Trümmern des Hauses geborgen. Am 7. April 1945 gelang Günter Wolfsohn die Flucht aus dem Lager Blankenburg, er hielt sich bis zum Kriegsende in Braunschweig bei Freunden versteckt.

Erst 1947 konnte Marianne Wolfsohn ihren Mann Max wieder in die Arme schließen.


Quellen:
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2883
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2884

Irma Wolfsohn 

Salzdahlumer Straße (ehemals Nr. 25)

 

geb. 23.06.1906  in Othynia

Ohne Stolperstein

 

          
Irma Wolfsohn lebte seit 1933 (1929) als Sprachlehrerin in Griechenland. Als ihre Eltern Max und Marianne Wolfsohn 1937 ihre Wohnung in der Salzdahlumer Straße 25 nach Kündigung durch den Hauseigentümer verloren hatten, überredete die Tochter sie, nach Griechenland zu kommen. Voraussetzung war, dass die Angestelltenrente des Vaters nach der Flucht nach Griechenland transferiert wird. Als diese 1939 ausblieb, geriet die Familie finanziell in Bedrängnis.
Irma Wolfsohn heiratete in Patras und zog mit ihrem Ehemann 1943 nach Italien und 1946 nach Brasilien. 1991 starb Irma Wolfsohn dort.

 

Quellen:
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2883
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2884

Alfred Wolfsohn

Salzdahlumer Straße (ehemals 25)

 

geb. 25.1.1909 in Braunschweig


Nach dem Abitur an der Gauss-Oberrealschule studierte Alfred Wolfsohn an der TH Berlin Maschinenbau, ein Abschluss blieb ihm nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten aufgrund der jüdischen Abstammung jedoch verwehrt. Zunächst arbeitete Wolfsohn als Droschkenkutscher in Berlin, Ende 1933 eröffnete er eine Tankstelle mit Werkstatt und Autozubehörgeschäft.  Er heiratete 1935. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges musste er seinen Betrieb zwangsweise an den Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) abgeben. Im November 1939 nahm er eine Tätigkeit in der Konstruktionsabteilung von Telefunken in Berlin auf und arbeitete später als Beschaffungsingenieur in der Entwicklungsabteilung für UKW-Sender. Noch 1942 wurde er Soldat in der Deutschen Wehrmacht, nach seinem Ausscheiden wegen eines Unfalls übernahm Wolfsohn den Posten des Leiters der technischen Abteilung des Generalbevollmächtigten für die Filmtheater in Lemberg. Alfred Wolfsohn gelang es durch glückliche Zufälle, Verwechslung der Identität aber auch Fürsprecher, der Entlassung als „Halbjude“ auch in den Folgejahren zu entgehen.
Nach der Tätigkeit bei der Karpathenöl-AG nahm er während der Kriegsjahre Arbeit bei Siemens &Halske in Berlin auf. In den letzten Tagen des NS-Regimes wurde seine Wohnung in Berlin zerstört, nur mit einem Handwagen kehrte er mit seinem letzten Hab und Gut im September 1945 nach Wolfenbüttel zurück.

 


Quellen:
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2883
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2884

 

 

Herbert Wolfsohn

Salzdahlumer Straße (ehemals 25)

 

geb. 02.09.1914 in Braunschweig

 

 

Herbert Wolfsohn war bereits 1934 seiner Schwester Irma nach Patras in Griechenland gefolgt. Auch er befürwortete die Emigration der Eltern Marianne und Max Wolfsohn, half beim Überleben des Vaters nach der Besetzung Griechenlands durch deutsche und italienische Truppen. 1943 schloss sich Herbert Wolfsohn der Widerstandsbewegung in den Bergen an und versteckte seinen Vater im dortigen Partisanengebiet.


Quellen:
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2883
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2884

Günter Wolfsohn

Salzdahlumer Straße (ehemals Nr. 25)

 

geb. 30.11.1918 in Wolfenbüttel

 

Günter Wolfsohn sah sich bereits vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei antisemitischen Übergriffen ausgesetzt. Aufgrund eines Komplottes und Stigmatisierungen durch die Lehrerschaft der Großen Schule musste er das Wolfenbütteler Gymnasium bereits 1932 im Alter von 14 Jahren wieder verlassen und ging zur Mittelschule. Aber auch dort häuften sich die antisemitischen Übergriffe durch Lehrer und Mitschüler gegenüber dem so genannten „Halbjuden“. Von sechs Mitgliedern der Wolfenbütteler Hitlerjugend wurde er überfallen und verprügelt. Von Schulfesten und Sportveranstaltungen schloss man den „Mischling 1. Grades“, so die Formulierung in den Nürnberger Rassengesetzen, aus. 1935 verließ er – ein dreiviertel Jahr vor dem Abschluss – aufgrund weiterer antijüdischen Diffamierungen auch die Mittelschule. Im gleichen Jahr ließ ihn seine Mutter Marianne konfirmieren, dies geschah gegen den Willen des Vaters. Dieser hatte sich seinerseits zum Schutz der Familie vom Judentum distanziert.

Der Wunsch nach einem Ausbildungsplatz alsKunstgärtner und Gartenarchitekt blieb unerfüllt, weil der Druck auf den potenziellen Arbeitgeber am Ende zu groß geworden war. Auch die Tätigkeit als ungelernter Arbeiter im Gummiwerk Schroers&Simmerling konnte er aus den gleichen Gründen nur für kurze Zeit ausüben. 1936 fand er Arbeit als Beifahrer bei der Braunschweiger Speditionsgesellschaft Bäte und trug so zum Familieneinkommen bei. Als der Wohnraum in der Salzdahlumer Straße 25 in Wolfenbüttel durch den Hauseigentümer gekündigt worden war, fuhr er zusammen mit seinen Eltern am 9. Oktober 1937 mit der deutschen Reichsbahn über München nach Triest und per Schiff weiter nach Patras in Griechenland. Sein Bruder Herbert Wolfsohn, der sich seit 1934 in Griechenland aufhielt, konnte eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung jedoch nur für Marianne und Max Wolfsohn erreichen. Mit einem Frachtdampfer, der über Oran und Rotterdam fuhr, erreichte er am 6. März 1938 Hamburg und damit deutschen Boden. Zurück in Braunschweig fand die Odyssee bei der Suche nach einer Wohnung und bei der Arbeitssuche kein Ende. Als Fahrer arbeitete Günter Wolfssohn bei einer Druckerei in Braunschweig. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er von der Deutschen Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront versetzt. Auf Grund eines Führerbefehls als „Mischling“ wurde er wegen einer Denunziation durch die Gestapo erst am 29. März 1941 aus der Wehrmacht entlassen. Anfang 1942 unterschrieb er einen Lehrvertrag bei der Firma Kraatz und erhielt den Kaufmanngesellenbrief.

Am 14. November 1944 musste er sich jedoch bei der Gestapo in Braunschweig melden, von der Adolfstraße aus brachte ihn ein Lastwagen zusammen mit anderen „Mischlingen“ und Ehepartnern von Jüdinnen und Juden in ein Lager der „Organisation Todt“ in Blankenburg. Bei einem Arbeitseinsatz in Hannover gelang.

 

Quellen:
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2883
NLa Wf 4 Nds Zg. 41/1992 Nr. 2884